Besonderheiten des Endspiels und Hinweise für das Training

Beginnt das Endspiel nicht mit einem Umsturz? Ruhte seine Majestät gerade noch in seinem Rochadegemach und verfolgte die Mühen seiner Untertanen nur aus sicherer Distanz, erhebt sie sich nun, begibt sich zum Ort des Geschehens und legt sich selbst mächtig ins Zeug. Und doch hat schon seine Ordnung. Weder die Regeln des Spiels noch die Machtverhältnisse auf dem Brett haben sich geändert. Was beim Übergang ins Endspiel auffällt, ist nur die seltsame Doppelnatur des Königs im Schach. Denn der König ist ja nicht nur das primäre Angriffsziel (Matt), sondern eben auch eine Figur, die selbst angreifen kann. Wie auch immer. Mir gefällt der König in seiner neuen Rolle als Diener des kleinen Bauern durchaus.

Besonderheiten des Endspiels

Vor allem fünf Merkmale unterscheiden gewöhnlich das Endspiel vom Mittelspiel. Erstens die Aktivität der Könige. Wenn mehr und mehr Figuren abgetauscht werden, tritt ihr Sicherheitsaspekt in den Hintergrund und ihr Angriffsaspekt in den Vordergrund: Zweitens die wachsende Bedeutung von Freibauern. Denn das Spielziel besteht in der Erlangung eines entscheidenden materiellen Übergewichts durch Bauernumwandlung. Drittens wird der Zugzwangs zu einem wichtigen Mittel. Kommt es in Eröffnung und Mittelspiel auf jedes Tempo an, zeigt sich im Endspiel die dunkle Seite der Zugpflicht. So ließe sich selbst das einfache Endspiel König und Turm gegen König ohne Zugzwang nicht zu gewinnen. Schließlich sind noch viertens das Patt und fünftens die Bedeutung von Festungen zu erwähnen.

Endspieltraining

Aktive Könige, Freibauern, Zugzwang, Pattverteidigungen, Festungen: All die seltsamen Regeln des Schachspiels zeigen ihre Wirkung besonders im Endspiel.  Beim Angriff im Mittelspiel mag man davon absehen können. Aber wer auch im Endspiel immer etwas unternehmen, etwas drohen möchte, der wird schnell an Grenzen stoßen. Denn dort ist ein andere Haltung, eine besondere Herangehensweise gefragt. Kurz: Das Endspiel verlangt Fertigkeiten, die man auch gesondert trainieren sollte.

Zum Endspieltraining gehört meines Erachtens dreierlei: Erstens die Aneignung der wichtigsten theoretischen Endspiele, d.h. der elementaren Endspiele und der typischen Verfahren, die in ihnen zur Anwendung kommen. Zweitens das Verständnis der so genannten allgemeinen Prinzipien der Endspielführung, am besten durch das Studium der klassischen Vorbilder. Und drittens das ausgiebige praktische Üben der Entscheidungsfindung im Endspiel, d.h. das Lösen von Aufgaben zum Thema.

Hinweise zur Endspielliteratur

In den letzten Jahren sind viele neue Bücher über das Endspiel erschienen. Zur Orientierung möchte ich einige Empfehlungen zu sechs Kategorien von Endspielbüchern geben. Die Auswahl ist selbstverständlich subjektiv, deshalb aber noch nicht willkürlich. Natürlich gibt es weitere sehr schöne Bücher, wie z.B. von E. Mednis, J. Speelman oder G. Flear. Irgendwo war eben eine Grenze zu ziehen.

Nachschlagewerke

Ich beginne mit den Nachschlagewerken. Einen Überblick in einem Band geben F. Lamprecht u. K. Müller in „Grundlagen der Schachendspiele“. Außerdem ist die von J. Awerbach bearbeitete Endspielserie in mehreren Bänden sehr gut. Leider ist die fünfbändige Ausgabe des Sportverlages nur noch antiquarisch zu bekommen. Immerhin gibt es eine überarbeitete und geprüfte elektronische Neuausgabe bei Convekta unter dem Titel „Comprehensive Chess Endings“, allerdings nur in englicher, nicht in deutscher Sprache.

Lehr- und Arbeitsbücher

Wer das Endspiel studieren möchte, benötigt ein Lehr- bzw. Arbeitsbuch. Hier ist an erster Stelle M. Dworetski „Die Endspieluniversität“ zu nennen, auch in digitaler Form erhältlich. Sehr gut ist außerdem A. Pantschenko „Endspieltheorie und Praktik“. Für dieses Buch spricht die große Anzahl an Aufgaben. Allerdings sollte man an Layout und Verarbeitung nicht so hohe Ansprüche stellen. Convekta bietet aber eine sehr schöne digitale Ausgabe des Buches an (auch in deutsch). Für Spieler, die erst einen Einstieg suchen, sind J. Howell „Essential Chess Endings“  (eigentlich meine erste Wahl, heute leider nur noch schwer zu bekommen) und L. Alburt u. N. Krogius „Just the Facts“  meine Favoriten. Beide Bücher bieten einen kompletten Überblick und viel erklärenden Text.

Aufgabensammlungen

Trainieren heißt Aufgaben lösen. Deshalb sind gute Aufgabensammlungen sehr wichtig. Zunächst möchte ich hier B. Rosen „Fit im Endspiel“ nennen, eine kleine, aber sehr gute Sammlung von Materialien, die den großen Vorteil bietet, diese in Form von Aufgaben zu präsentieren. Dann gibt es von J. Konikowski eine Serie von Testbüchern zu Endspielthemen und von G. Flear „Test your Endgame Thinking“. Sehr gut gefällt mir auch das digitale  „Chess Endgame Training“ von Convekta, eine Sammlung von mehr als 2.400 Endspielaufgaben (auch in deutscher Sprache).

Auf Bücher zu speziellen Endspielen möchte ich nicht weiter eingehen. Mir gefallen z.B. sehr gut: W. Hajenius und H. van Riemsdijk „The Final Countdown“, K. Müller und F. Lamprecht „Secrets of Pawn Endings“, oder J. Emms „The Survival Guide to Rook Endings“.

Endspielstrategie

Gute Bücher zur Endspielstrategie sind J. Aagaard „Excelling at Technical Chess“, M. Schereschewski „Strategie der Schachendspiele“ (in der erweiterten englischen Ausgabe: M. Shereshevsky „Endgame Strategy“) und A. Jussupow und M. Dworetzki „Effektives Endspieltraining“.

Sammlungen praktischer Endspiele

Als Sammlungen praktischer Endspiele gefallen mir z. B. N. McDonald „Practical Endgame Play“, Christopher Lutz „Endspieltraining für die Praxis“ oder M. Marin „Learn from the Legends“.

Endspieltaktik

Schließlich gibt es noch die Bücher zur Endspieltaktik und Studien: J. Nunn „Taktische Schachendspiele“, A. Karpow und J. Gik „Schachstudien der Weltmeister“, J. Beasley und T. Whitworth „Endgame Magic, und J. Nunn „Endgame Challenge“.

Fazit

Das ist natürlich nur eine kleine persönliche Auswahl. Wer eines der Arbeitsbücher (Dworetski, Pantschenko, Howell, Alburt) mit einem der Bücher zur Schachstrategie (Aagaard, Schereschewski) kombiniert und eventuell noch die Trainings-CD von Convekta (Chess Endgame Training) hinzunimmt, dürfte ausgezeichnet für das Endspielstudium gerüstet sein.

Nachbemerkung

Bei diesen Text handelt es sich um die (hier nur leicht veränderte) Einleitung zu einigen Besprechungen von Endspielbüchern von mir, erschienen in der Juni-Ausgabe 2006 (S. 51 ff.) der Zeitschrift “Schach”. Für die Erlaubnis zur Wiedergabe danke ich Raj Tischbierek, Chefredakteur der Zeitschrift Schach und Geschäftsführer des Exzelsior-Verlages.

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