Das Mousetrapper-Motiv

Keine Angst! Hier wird keiner Maus ein Haar gekrümmt. Und es geht auch nicht um fiese Webseiten, die ihre Besucher mittels “Mousetrapping”  am Verlassen der Seite hindern, z. B. durch endlose Popups. Wer sich dafür interessiert (und sich traut), kann auf der Seite von Richard Stern, “Mousetrapping and Pagejacking” vorbeischauen.  Nein, hier geht es um ein wenig bekanntes taktisches Motiv, das ich “Mousetrapper-Motiv” nenne, weil ich es zum ersten Mal auf dem Schach-Blog “Mousetrapper’s Chess Log” gesehen habe.  Es hat mir so gut gefallen, dass ich es im Training beim SC Kreuzberg gezeigt habe. Was aber noch nicht das Ende der Geschichte ist.

Die Mousetrapper-Stellung

Doch der Reihe nach. Im Mai 2008 veröffentlichte Mousetrapper den Schluss einer Trainingspartie mit Deep Shredder 11 auf seinem Blog, siehe den Eintrag “Brilliant endgame tactics of Deep Shredder”. Das taktische Motiv ist nicht wirklich kompliziert, aber meines Erachtens selten und wenig bekannt. Ich finde es wunderbar und nenne es nach dem Blog “Mousetrapper-Motiv” und die thematische Stellung entsprechend eine “Mousetrapper-Stellung”.

Gefunden hatte ich das Beispiel Mitte Oktober. Und weil mir der überraschende Angriff über die siebte Reihe so gut gefiel, habe ich es am 17. Oktober im Schachclub Kreuzberg bei unserem gemeinsamen Jugendtraining Atila Gajo Figura gezeigt und am 22. Oktober auch noch in meinem Fortgeschrittenen-Training vorgeführt.  Soweit, so gut.

Die (Mause-)Falle schnappt zu

Groß war meine Überraschung, als Atila wenige Tage später, am 24. Oktober, das Motiv selbst anwenden konnte. Bei der 9. Deutschen Betriebsschach Mannschaftsmeisterschaft erreichte er als Nachziehender nach dem 25. Zug von Weiß die folgende Position. Die ganze Partie ist auf der Turnierwebsite online nachspielbar, siehe hier. In der Diagrammstellung hat Atila gerade Remis abgelehnt und strebt nun eine “Mousetrapper-Stellung” an: a) Turm-Bauer vorrücken, b) Turm auf die g-Linie und c) Dame nach e6.

Wie in den Kommentaren bereits angedeutet, hat Atila hier nicht nur einen taktischen Trick angewandt, sondern die “Mousetrapper-Stellung” planvoll angestrebt und dies technisch ausgezeichnet umgesetzt. So zeigt die Partie, dass in der scheinbar harmlosen Dame-plus-Turm-Stellung mit Bauern auf einem Flügel die weißen Schwächen doch noch einiges Spiel zulassen. Falls, wie in der Partie, dem Verteidiger das “Mousetrapper-Motiv” nicht bekannt ist, kann die Partie trotz ganz “normaler” Züge verloren gehen. Bei Kenntnis des Motivs sind die Probleme aber gut lösbar. Offene Fragen bleiben aber: Wie ist z. B. die Stellung mit einem schwarzen Bauern auf h3 einzuschätzen?

Nachzutragen bleibt noch, dass bei dem Turnier Matthias Möller, der 1. Vorsitzende des SC Kreuzberg, als Schiedsrichter wirkte. Er war auch beim Jugendtraining eine Woche vorher dabei. Außerdem gab es noch einen Zuschauer aus meinem Kreuzberg-Training, so dass bei der Partie live gleich mehrere Beobachter zugegen waren, die gespannt den Verlauf der Partie verfolgten – und nicht enttäuscht wurden. Gewissermaßen ein “Mousetrapper” mit Ansage. Ich selbst habe erst am nächsten Tag per E-Mail davon erfahren. Auch noch schön genug.

Ein “halber” Vorgänger

Sowohl Atila als auch ich machten uns auf die Suche nach Vorgängern, die es doch geben sollte. Tatsächlich fanden wir aber nur einen, Krasenkow – Cvitan, Pula 19997. Nach dem 43. Zug von Schwarz war in der Partie die folgende Stellung entstanden. Der schwarze Freibauer spielt kaum eine Rolle. Weiß greift mit Dame, Turm und h-Bauer den schwarzen König an.

Da am Ende der schwarze Turm mit Schach fällt, bleibt das eigentliche “Mousetrapper-Motiv” ein bisschen unter der Oberfläche. Insofern nur ein “halber” Vorläufer.

Es ist doch sehr erstaunlich, dass so ein ebenso elegantes wie einfaches taktisches Motiv kaum vorgekommen sein soll. Vielleicht findet ja der eine oder andere Leser mehr Beispiele. Ich würde mich über Hinweise jedenfalls freuen.

Nachtrag (26. November 2009)

Thomas Binder (SF Siemensstadt und Herder-Gymnasium in Berlin) hat das “Mousetrapper-Motiv” ebenfalls seinen vorzüglichen Trainingsmaterialien hinzugefügt und sehr schön kommentiert. Ein thematischer Index erleichtert im Übrigen das Zurechtfinden in der Fülle seiner Materialien.

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Ein Trackback

  1. Von Anonymous am 14. August 2010 um 00:16

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