Die Tücke der Frontal-Verteidigung

Die Frontal-Verteidigung gehört zu den elementaren Methoden im Endspiel “Turm und Bauer gegen Turm” (siehe “Elementare Turmendspiele”). Eigentlich ist sie auch gar nicht so schwer zu verstehen. Dennoch bereitet sie in der Praxis regelmäßig Schwierigkeiten. Die Frontal-Verteidigung hat so ihre Tücken. Doch diese haben durchaus ihren Reiz. Was sich anhand von drei dazu noch lehrreichen Beispielen aus der Endspielpraxis von vier Großmeistern und zwei Amateuren leicht zeigen lässt.

Wie die Frontal-Verteidigung funktioniert

Sehen wir uns zunächst an was die Frontal-Verteidigung ist und wie sie funktioniert (siehe auch hier). Im Lehrbeispiel (siehe Diagramm unten) schneidet der weiße Turm auf der d-Linie den schwarzen König vom c-Bauern ab. Schafft es Weiß, den Bauern ungehindert auch nur noch um eine Reihe vorzurücken, hat Schwarz keine Chance mehr. Der Anziehende erreicht dann mühelos eine Lucena-Stellung und gewinnt leicht. (Wem das nicht klar ist, der kann dies im oben bereits genannten Text oder in der Lektion über Turmendspiele oder hier nachsehen.) Allerdings schafft es der schwarze Turm allein, den weißen c-Bauern trotz Unterstützung durch den weißen König daran zu hindern. Wegen des Abstandes von drei Feldern zwischen Turm und Freibauer schafft es der kurzschrittige König nicht, sowohl den Bauern zu decken als auch den Turm anzugreifen.

Der weiße König braucht die Hilfe seines Turmes zur kurzfristigen Deckung des Freibauern. Nach 5.Td4 hängt die Wirksamkeit der Verteidigung davon ab, dass der schwarze König den Turm mit 5.-Ke5 anzugreifen. Dies bedeutet, der schwarze König muss im Lehrbeispiel auf e6 oder e5 stehen. Nur so harmonieren schwarzer Turm und schwarzer König. Darin liegt das ganze Geheimnis der Frontal-Verteidigung.

Tarrasch als Entdecker der Frontal-Verteidigung

Als erster beschrieben hat dieses Zusammenwirken meines Wissens Tarrasch. Löwenfisch und Smyslow schreiben in ihrem Turmendspiel-Klassiker “Theorie und Praxis der Turmendspiele” zwar, Cheron hätte als erster den Frontalangriff als Verteidigungsverfahren beschrieben, aber das stimmt nicht. Cherons erste Studien zu diesem Thema stammen von 1923. Tarrasch schrieb darüber bereits 1908 in dem Aufsatz “Neue Untersuchungen über Turmendspiele”, einem Anhang zu seinem Buch über den Weltmeisterschaftskampf mit Lasker (ich zitiere nach “Die Schachwettkämpfe Lasker – Tarrasch 1908 und 1916, Zürich (Olms) 1990 – die entsprechenden Passagen können in einer anderen Ausgabe auch bei Google Bücher nachgesehen werden, siehe hier – online nachgespielt werden kann Tarraschs Beispiel zur Frontal-Verteidigung hier)

Ich erwähne dies, weil Tarrasch ja vor allem für seinen Merksatz “Die Türme gehören hinter die Freibauern, hinter die eigenen wie hinter die feindlichen” (S. 126) bekannt ist. Da finde ich es schön, dass gerade er die Verteidigung mit dem Turm vor dem Bauern entdeckt. Hier seine Erläuterung:

“Wenn ein Freibauer im Turmendspiel zu weit zurück ist, das heißt, erst einen Zug gemacht hat (der in einem einfachen oder in einem Doppelschritt bestanden haben kann), so gewinnt er noch nicht die Partie, wenn er auch von seinem König geführt wird und der feindliche König (um eine oder zwei Linien) abgesperrt ist. Vorausgesetzt ist allerdings dabei, daß der verteidigende Turm richtig steht (…), nämlich VOR dem Freibauern, natürlich auf der letzten Reihe. Eine Ausnahme vor der oben aufgestellten Regel, daß die Türme HINTER die Freibauern, die eigenen wie die feindlichen gehören. Dies gilt eben nur für weiter – über ihren Doppelschritt hinaus – vorgerückte Bauern. Der innere Grund für diese Regel liegt darin, daß die Türme in dieser Position mehr Spielraum haben.” (S. 138f.)

Sehr gut erklärt. Überhaupt ist Tarrasch einer der ganz großen Schachschriftsteller (siehe auch hier). Trotzdem bleibt nett, dass ausgerechnet in dem Beispiel, zu dem er seinen Merksatz verfasst hat, der Turm tatsächlich in eine Stellung NEBEN dem Bauern überführt werden muss. Aber das wurde erst viel später von Vancura herausgefunden (siehe hier).

Die richtige Königsstellung

Kommen wir zum ersten praktischen Beispiel (siehe Diagramm unten). Der Anziehende verteidigt sich zunächst ausgezeichnet und erreicht mit seinem 77. Zug die Lehrbuchstellung von eben. Doch dann unterläuft ihm ein Fehler: Anstatt mit seinem König zwischen den Feldern e3 und e4 zu pendeln, so dass er bei Gelegenheit den schwarzen Turm auf d5 befragen kann, zieht er ihn zurück nach e2. Damit ist die Harmonie der Flanken-Verteidigung zerstört. Schwarz nutzt seine Chance und die Partie ist entschieden.

Warum der Fehler? Vielleicht gab sich Weiß für einen Moment der Hoffnung auf eine schnelle Aufhebung der Sperre hin. Wer weiß. In der Verteidigung und unter Druck ist ein Fehler schnell gemacht. Wir sehen jedenfalls, wie wichtig die richtige Königsstellung bei der Frontal-Verteidigung ist.

Der Kampf um die Grundreihe

Das zweite praktische Beispiel (siehe Diagramm unten) habe ich damals live im Internet verfolgt. Ich erinnere mich, dass der Anziehende das Endspiel bis zum 61. Zug von Schwarz sehr flott spielte, dann aber in langes Nachdenken verfiel. Zu spät, denn Dreev hatte bereits eine Frontal-Verteidigung erreicht. Ganz offenbar war sich Spraggett bis dahin seiner Sache sehr sicher gewesen. Aber irgendetwas muss er übersehen haben. Sonst hätte er ganz gewiss den möglichen Gewinn im 58. Zug gefunden und entsprechend Sand in das Getriebe der Verteidigung gestreut. Der Unterschied besteht darin, dass in der Partie der schwarze Turm auf die Grundreihe gelangt, während ihm dies in der Variante verwehrt wird.

Der Gewinnweg für Weiß lässt sich mit Engines oder Tablebases schnell ermitteln. Verstehen müsen wir diesen aber immer noch selbst: Der weiße Turm verwehrt dem schwarzen die Grundreihe. Zwar kann der schwarze König diese für seinen Turm erobern. Aber dadurch entfernt er sich von seinen guten Feldern. Weshalb dann die Partie wie im ersten praktischen Beispiel verloren geht.

Ich war von dieser Entdeckung sehr angetan und führte das Endspiel 2005 auch bei meiner Lehrprobe zum FIDE-Trainer vor. An der Reaktion von Razuvaev, der damals zur Prüfungskommission gehörte, konnte ich aber erkennen, dass solche Feinheiten auf anderem Niveau ein alter Hut sind. Gleichwohl ein sehr schönes und lehrreiches Beispiel.

Das Ausweichen auf die zweite Reihe

Einige Jahre später konnte ich anhand einer eigenen Partie wieder Neues (für mich) entdecken. Im dritten praktischen Beispiel (siehe Diagramm unten), gespielt im Berliner Mannschaftspokal, hatten weder mein Gegner noch ich besonders geglänzt. Interessant wurde es nach der Partie, als meine Mannschaftskollegen vom SC Kreuzberg, Klaus Lehmann und Peter Schnitzer, mit mir das Turmendspiel nach 69.-Txc3 untersuchten. Wir fanden bald heraus, dass Schwarz den c-Bauern geben und mit dem e-Bauern spielen muss. Weil der weiße Turm nicht auf die Grundreihe gelangt, gewinnt Schwarz gerade so eben: siehe die Varianten 74.Ta7 und 74.Ta8. Genau wie im letzten Beispiel, wie schön! Zuhause zeigte die Engine (sie schon wieder) aber gleich einen Weg zum Remis für Weiß, auf den wir nicht gekommen waren.

Dem Nachziehenden fehlt ein Tempo: Zieht Schwarz den e-Bauer vor, kommt Weiß zur Aufhebung der Sperre auf der zweiten Reihe. Zieht Schwarz den König vor, kommt Weiß zur Frontal-Verteidigung auf der zweiten Reihe. Keine große Sache, aber eine weitere schöne Feinheit.

In der Praxis ist die Frontal-Verteidigung auf der 2. Reihe schon einige Male vorgekommen. Auch ohne langes Suchen habe ich eine Handvoll Beispiele gefunden. Die Partie mit den prominentesten Spielern war Nikolic-Korchnoi, Horgen 1994, online nachzuspielen hier bei Chessgames. Die thematische Stellung entsteht im 62. Zug.

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