“Tote Stellungen” in Regelwerk, Komposition und Partie

In einer Partie wird eine Mattstellung erreicht. Doch beide Spieler machen noch einen weiteren Zug. Erst dann stellen sie das Matt fest und beenden die Partie. In einer Turnierpartie zwischen Großmeistern wäre dies schon sehr seltsam, oder. Vergleichbares geschieht aber regelmäßig in bestimmten Remisstellungen. Und kein Schiedsrichter greift ein. Nach den Regeln ist die Partie beendet. Trotzdem wird ein weiterer Zug gespielt, aufgeschrieben und alles auch noch veröffentlich. So geschehen gerade wieder in der Partie Arndt Lauber gegen Konstantin Landa am letzten Bundesligawochenende.

Regelwerk

Die aktuelle Version der FIDE-Schachregeln (siehe hier) wurde im November 2008 beschlossen, vom DSB übersetzt (siehe hier), und gilt seit dem 1. Juli 2009. Im Artikel 1.3 heißt es: “Ist eine Stellung erreicht, in der keinem der beiden Spieler das Mattsetzen mehr möglich ist, ist das Spiel “remis” (unentschieden).” Daraus folgt: Lässt sich für eine Stellung zeigen, dass ein Matt nicht mehr möglich ist, ist die Partie sofort beendet.

In einigen anderen Artikeln wird der Inhalt von 1.3 aufgenommen und ausführlicher formuiert. Ich zitiere Artikel 5.2 b): “Die Partie ist remis, sobald eine Stellung entstanden ist, in welcher keiner der Spieler den gegnerischen König mit irgendeiner Folge von regelgemäßen Zügen mattsetzen kann. Eine solche Stellung heißt “tote Stellung”. Damit ist die Partie sofort beendet, vorausgesetzt, dass der Zug, der die Stellung herbeigeführt hat, regelgemäß war (siehe Artikel 9.6).” und Artikel 9.6: “Die Partie ist remis, sobald eine Stellung entstanden ist, aus welcher ein Matt durch keine erdenkliche Folge von regelgemäßen Zügen erreichbar ist. Damit ist die Partie sofort beendet, vorausgesetzt, der Zug, der diese Stellung herbeiführte, war regelgemäß.”

Der Artikel 5.2 gibt der Sache einen Namen. So können wir kurz und knapp sagen: Eine “tote Stellung” (“dead position”) ist immer und sofort remis. Weder eine Zeitüberschreitung noch ein dritter regelwidriger Zug ändern daran etwas. Weitere Wiederholungen, inhaltlich aber nichts Neues, bieten übrigens noch die Artikel 6.9 und 7.4 b. Es gibt dazu auch einen kleinen Wikipedia-Artikel “Tote Stellung”.

Interessant ist die Geschichte des Artikels 1.3. (Im Folgenden stütze ich mich übrigens auf die Sammlung älterer FIDE-Schachregeln von Otto Janko (siehe hier). Eine kommentierte Geschichte der Regeländerungen wäre hilfreich. Ich konnte aber keine finden und freue mich über jeden Hinweis.) Er taucht zum ersten Mal in den FIDE-Schachregeln von 1996/97 auf (siehe hier: “If the position is such that neither player can possibly checkmate, the game is drawn.”) Die weiteren oben angeführten Ergänzungen wurden dann in späteren Fassungen hinzugefügt (siehe z. B. hier).

In den FIDE-Schachregeln von 1992/93 (siehe hier) gab es noch keine allgemeine Formulierung, sondern in dem damaligen Artikel 10.4 nur eine Aufzählung besonderer Stellungen, König gegen König, König und Leichtfigur gegen König, und König und Läufer gegen König und Läufer bei Läufern auf gleicher Farbe:  “The game is drawn when one of the following endings arises: (a) king against king; (b) king against king with only bishop or knight; (c) king and bishop against king and bishop, with both bishops on diagonals of the same colour. This immediately ends the game.” Artikel 10.5 stellte dann noch klar, dass ein bloßer König nicht gewinnen kann.

Gegenüber 1992/93 gab es also 1996/97 eine sinnvolle Erweiterung. In der Version der FIDE-Schachregeln von 1977 (siehe hier) fehlte noch jeder Hinweis auf später so genannte “tote Stellungen”. Groben Unfug wie eine Spielen auf Zeit mit König und Springer gegen König hätten die Regeln damals noch zugelassen. Hier hätte der Schiedsrichter eingreifen müssen.

Schachkomposition

Die Komponisten von Schachproblemen haben einen besonderen Sinn für die offiziellen Schachregeln. Ich verweise nur auf den schönen Artikel “In the Twilight Zone of Chess Rules” von Jens Kristiansen. Berühmt ist die so genannte “Pam-Krabbé-Rochade” (siehe hier und hier), die zu einer Präzisierung der Rochade-Regeln führte.

Im Problem von Tim Krabbé (siehe Diagramm) setzt der Anziehende den schwarzen König im dritten Zug matt: a) nach 1.e7 gxf3 2.e8D+ Kd3 durch die lange Rochade 3.0-0-0# , b) nach 1.e7 Kxf3 2.e8T d4 durch die kurze Rochade 3.0-0#, und c) nach 1.e7 Kxf3 2.e8T Kg2 durch die Pam-Krabbé-Rochade 0-0-0-0# mit weißem König auf e3 und weißem Turm auf e2. (Vgl. Tim Krabbé: Schach-Besonderheiten, Bd 1, Düsseldorf (Econ) 1987, S.19f.)

Zum Zeitpunkt der Komposition entsprach die Pam-Krabbé-Rochade vollkommen den Regeln. Weder König noch Turm hatten gezogen. Und nur der Turm übersprang ein vom Schwarzen bedrohtes Feld. Durch die Einführung der weiteren Bedingung, dass nämlich König und Turm auf einer Reihe stehen müssen, wurde die vertikale Rochade dann aber bald ausgeschlossen.

Nach der Aufnahme des Artikels 1.3 in die FIDE-Schachregeln 1996/97 durfte man rückblickend fast erwarten, dass Schachkomponisten sich der neuen Regel annehmen würden. Wenige Jahre später war es dann soweit. Andrew G. Buchanan beschreibt seine Entdeckung in seiner FAQ for Dead Reckoning so:

“A weird thing happened. I stumbled across a chess rule that no one knew about before. No, really. The International Chess Federation updates the Laws of Chess every few years. Obviously, they don’t change the key stuff: like how a bishop moves. But they do fiddle around at the margins, and in 1997 they introduced a rule which has little impact on the real game, but does have consequences for chess problems. It wasn’t until late 2000 that anyone noticed these consequences. It happened to be me.”

Um welche Regel es sich handelt, wissen wir ja schon. Jedenfalls machte sich Buchanan ans Werk und komponierte eine ganze Reihe von wunderbaren Aufgaben. Auf der Website Some Novel Chess Problems hat er eine ganze Sammlung zusammen mit einführenden und erklärenden Texten veröffentlicht. Hier zwei Beispiele, die zeigen wie solche Probleme funktionieren.

Bei nur zwei Königen auf dem Brett zu fragen, wer zuletzt gezogen hat, mag auf den ersten Blick ganz sinnlos erscheinen. Aufgrund der “Tote-Stellung-Regel” lässt sich das Problem von Buchanan (siehe Diagramm) aber leicht lösen. Nehmen wir an Schwarz hat zuletzt gezogen. Dann ging der König von b8 oder a7 nach a8. War das Feld frei, war die Partie mit nur den Königen vorher schon beendet, und die Diagrammstellung konnte gar nicht mehr entstehen. Diesen Schluss nennt Buchanan “Dead Reckoning”, was ich ein bisschen holprig mit “Tote-Stellung-Überlegung” übersetze.

Weiter: Der schwarze König muss auf a8 eine weiße Figur geschlagen haben. Bei einer Leichtfigur wäre die Partie vorher schon mangels Mattpotential beendet gewesen. Und bei einer Schwerfigur war der schwarze König gezwungen zu schlagen. Damit wäre die Partie ebenfalls bereits beendet gewesen. Wieder eine “Tote-Stellung-Überlegung”.  Eine Bauernumwandlung auf a8 führt zu einer der beiden schon behandelten Fälle. Daher kann der schwarze König nicht zuletzt gezogen haben. Für den weißen König lässt sich dies dagegen zeigen. Er könnte z. B. auf c6 einen Turm oder Bauern geschlagen haben (Buchanans Erläuterung hier).

In der Aufgabe von Elkies (siehe Diagramm) steht auf a6 ein Bauer, markiert durch das Kreuz. Ob dieser weiß oder schwarz ist, weiß man nicht. Es lässt sich aber erkennen, dass die Stellung ganz unabhängig von der Farbe des Bauern bereits remis ist. Die Pattsetzung des schwarzen Königs ist nicht zu vermeiden, sowohl nach 1.axb7 oder 1.Dxb7 oder auch 1.Dg2 Lxg2+ 2.Txg2. Die Partie ist also in der Diagrammstellung beendet.

Im letzten Zug muss der schwarze Läufer nach b7 gezogen sein, entweder von a8 oder c8. Falls er auf b7 eine weiße Figur geschlagen hat, hatte Schwarz keine andere Zugmöglichkeit und die Partie war schon vorher beendet. Wieder eine “Tote-Stellung-Überlegung”. Ebenso, falls auf a6 ein schwarzer Bauer steht und der Läufer von c8 kam. Auch dann hatte Schwarz nur den Läuferzug nach b7.

Die einzige Konstellation, in der Schwarz bei seinem letzten Zug eine Wahl hatte, ist die mit dem schwarzen Läufer auf c8 und einem weißen Bauern auf a6. Nur dann hatte Schwarz eine Wahl zwischen Läufer schlägt Bauer a6 und dem Schachgebot auf b7. Nur dann war die Partie nicht bereits vor dem schwarzen Zug beendet (Buchanans Erläuterung hier).

Turnierpraxis

Im Unterschied zu den Komponisten kümmern sich die Spieler nur wenig um die Schachregeln. Turnierordnungen geht es da im Übrigen nicht besser. Schiedsrichter können ein Lied davon singen. Über Unsicherheiten bezüglich der Rochaderegeln sogar bei Großmeistern gibt es einige Anekdoten (siehe hier). Wobei die Gründe in diesen Fällen eher in Aufregung oder Anspannung als in Unkenntnis zu suchen sein dürften.

Im Falle der “toten Stellungen” fehlt es nicht allein an Regelkenntnis. Nach meinen Beobachtungen gibt es einen ausgesprochenen  Widerwillen gegen die Vorstellung, dass nach dem Wegnehmen der letzten eigenen Figur die Partie bendet ist, ohne dass man seinerseits noch den letzten Stein des Gegners vom Brett nehmen dürfte.

Nun aber endlich zur eingangs erwähnten Bundesligapartie Lauber – Landa (siehe Diagramm). Mit 95.-Tf3-f1+ stellte Landa seine Gewinnversuche ein und tauschte alles ab. Zwar war nun 96.Ta1xf1 erzwungen, aber die Partie deswegen noch nicht beendet, da Schwarz anschließend nicht auf f1 schlagen musste und sozusagen noch den Verlust wählen konnte. Nach 96.-gxf1L aber war die Partie sofort remis. Der weiße Zug 97.Kg1xf1 daher nur noch eine Zugabe nach Partieende.

Bemerkenswert ist, dass die Stellung nach 96.-gxf1L schon nach den Regeln von 1992/93 beendet war. Allerdings wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte Landa mit 96.-gxf1D+ oder 96.-gxf1T+ in eine Schwerfigur umgewandelt. Danach wäre die Partie erst nach den Regeln von 1996/97 beendet gewesen. Dieser Unterschied ist insofern bedeutsam, als Weiß im Falle einer Zeitüberschreitung früher verloren hätte, später nicht (siehe hier und hier).

Kleine Regelfrage zwischendurch: Wie ist die Partie zu werten, wenn Schwarz während der Ausführung seines 96. Zuges die Zeit überschreitet? a) Schwarz schafft es noch, seinen Bauern nach f1 zu setzen und den weißen Turm vom Brett zu nehmen, schafft es aber nicht, eine neue Figur auf das Brett zu stellen. b) Schwarz schafft es nur noch, seinen Bauern g2 anzuheben, aber nicht mehr, den weißen Turm f1 vom Brett zu nehmen.

Im Fall b) liegt eindeutig eine Zeitüberschreitung vor. Im Fall a) scheint mir die Sache kniffliger zu sein. In Betracht kommen die Artikel 4.6 und 6.9 (siehe hier). Nur was wiegt schwerer: Dass der Zug nicht vollständig ausgeführt ist oder dass die Stellung bei jeder Umwandlung, also schon mit dem Bauern auf f1, remis und somit die Partie schon vor der Zeitüberschreitung beendet ist? Ich würde auf Remis entscheiden. Natürlich ohne Gewähr.

Schluss

Aus der Schlussstellung nach dem 97. Zug von Weiß in der Partie Lauber gegen Landa lässt sich übrigens leicht eine kleine Retro-Aufgabe formulieren (siehe Diagramm).

Angenommen, den letzten Zug hat Weiß gemacht. Auf welchem der drei Felder e1, e2, g1 kann der weiße König vorher nicht gestanden haben? – Mit wenigen “Tote-Stellung-Überlegungen” (“Dead Reckoning”) kommen Sie schnell zu einem eindeutigen Ergebnis. – Schon witzig, oder.

In der Praxis halten die Turnierspieler offensichtlich an einer alten “Gewohnheit” fest und spielen fröhlich nach Partieende weiter (hier ein extremes Beispiel aus Schweden). Die Schiedsrichter lassen die Spieler gewähren und schweigen dazu. Aber was würde eigentlich passieren, wenn ein Spieler wirklich einmal in Mattstellung weiterspielt und noch einen Zug macht und aufschreibt? Ein bisschen neugierig bin ich schon…

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3 Kommentare

  1. Gebigke
    Erstellt am 8. Februar 2010 um 17:22 | Permanent-Link

    Ich erinnere mich an ein Beispiel aus der Schachzeitung, würde sagen so Mitte der 90er Jahre, als im Zeitnotfinish einer Partie – wenn ich mich recht entsinne, der 1.Bundesliga – ein Spieler durch ein Damenschach mitten auf dem Brett mattgesetzt wurde, aber weder er noch sein Gegner diese Tatsache erkannten. Der König lief also getrieben von weiteren Schachgeboten über eine illegale Route wieder in sichere Gefilde und ich glaube, es endete remis. Bestimmt kann sich der Chefredakteur von “Schach” noch an diese Anekdote erinnern.

  2. Gebigke
    Erstellt am 8. Februar 2010 um 17:23 | Permanent-Link

    Eine andere Sache, an die ich mich bei diesem Thema “Partieende durch Matt bzw. tote Stellung” erinnere, ist das Finale einer Partie, in der es nach einem Endspiel D/S vs. D schließlich zum Damentausch kam. Aber statt die Dame zurückzuschlagen, schob mein Gegner, der in Form des Springers ja bis dahin über eine Mehrfigur verfügte und natürlich seit einer Weile noch letzte Gewinnversuche unternommen hatte, die verbliebenen Figuren zusammen. Später fiel mir ein, daß dies nach außen hin eigentlich wie eine ganz normale Partieaufgabe aussah. Figuren zusammenschieben kann eigentlich nur bedeuten “ich gebe auf”! Er war schließlich nicht verpflichtet, meine Dame zu schlagen! Wahrscheinlich hätte man dies in diesem Moment nicht einklagen können – und wohl auch nicht wollen – , weil nichts unterschrieben war (damals galt diese Unterschriftsregel wohl auch noch nicht), aber mein Gegner hätte sicherlich einige bange Augenblicke überstehen müssen, wenn man aus Spaß Anstalten gemacht hätte, den vollen Punkt zu beaspruchen.

  3. Alfred Pfeiffer
    Erstellt am 18. April 2010 um 11:17 | Permanent-Link

    FIDE-Regeln: Die in den FIDE-Schachregeln von 1992/93 erwähnte Aufzählung (im damaligen Artikel 10.4) gibt es seit den FIDE-Regeln von 1984 (Thessaloniki, damals im Artikel 10.7). Die vorherige Nicht-Regelung dieser Sonderfälle (FIDE-Regeln 1977) habe
    ich auch schon in der Fassung von 1960 (DSV-Taschenbuch 1960) vorgefunden.

    Im Problemschach findet man öfter Aufgaben zu Patt (Hilfspatt, Serienhilfspatt etc.),
    in deren Lösungen viele Züge lang durch “tote Stellungen” manövriert wird. Das war ja bis
    zum Erstellungsdatum 1984 ok. Gilt die “Tote-Stellung”-Regel auch im Märchenschach?

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