Kampf der Könige: Aufklärung über “Opposition”

Dieser Artikel ist eine Ausnahme. Normalerweise erwähne ich neues Trainingsmaterial (siehe Navigation oben) nicht in einem Blogeintrag. Aber “Opposition” ist ein so oft missverstandenes Konzept, dass ich den Anfang der Lektion “Aufklärung über Opposition” (Download des pdf-Dokumentes hier) auch blogge. Es geht um die einfachen, aber selten erklärten Grundlagen. Zuerst gibt es eine kurze Einführung zu Herkunft und Formen der Opposition. Dann werden offensive und defensive Funktion der Opposition dargestellt, der Mechanismus der Umgehung erläutert, sowie die Konzepte Hauptlinie und Nebenlinien, Dreiliniensystem und Zweiliniensystem vorgestellt. Wer mehr wissen möchte, kann dann ja immer noch in der oben genannten Lektion weiterlesen.

Warum Opposition?

Unter „Opposition“ verstehe ich ein Zugzwangverhältnis zwischen den Königen. Dieses ergibt sich unmittelbar aus den Schachregeln.

Könige können als einzige Figuren kein Schach bieten, da sie sich damit selbst ins Schach stellen würden. Könige halten sich also gegenseitig auf Distanz. Oder anders ausgedrückt: Die drei Felder zwischen zwei sich gegenüber stehenden Königen sind für beide verboten (im Diagramm rechts durch Kreuze markiert). In dieser Lage hebt nun jeder Königszug das Verbot für mindestens eines dieser drei Felder für den anderen König auf. Wer am Zuge ist, muss sozusagen das Feld räumen. Er „verliert die Opposition“.

Das ist leicht zu verstehen und zudem sehr anschaulich. Jeder Anfänger lernt bald, das Bild zweier sich gegenüber stehender Könige als Opposition zu deuten. Doch gerade dieses Offensichtliche an der Opposition hat seine Tücken. So warnte Nimzowitsch in „Mein System“ davor, die „innere Sachlage nach rein äußerlichen Merkmalen“ zu beurteilen und behauptete: „Die Lehre von der Opposition ist in ihrer Unklarheit als reinste Verdunkelungslehre anzusprechen.“ (Nimzowitsch: Mein System, Hamburg 1965, S.102)

Ganz so schlimm verhält es sich aber nicht. Und Nimzowitschs Gegenvorschlag eines dreistufigen Manövers mit Frontalangriff, Ausweichzug und Umgehung lässt sich sehr gut mit dem Konzept der Opposition verbinden.

Nun geht es aber los. Frei nach Woody Allen: Was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.

Formen der Opposition (nah, fern, virtuell)

Allgemein wird jede Gegenüberstellung der Könige mit einer ungeraden Zahl von Feldern zwischen ihnen auf einer Linie, Reihe oder Diagonale “Opposition” genannt.

Bei der Nahopposition (siehe Diagramm links) liegt ein Feld zwischen den Königen. Echt mit den drei verbotenen Feldern zwischen den Königen sind aber nur die vertikale (Kb2-Kb4) und die horizontale (Kb2-Kd2) Opposition. Die diagonale (Kb2-Kd4) Opposition ist unecht mit nur einem verbotenen Feld zwischen den Königen. Schwarz kann sich immerhin aussuchen, ob er Weiß in der Folge die vertikale (1.-Kc4 2.Kc2) oder horizontale (1.-Kd3 2.Kb3) Opposition überlässt

Analog verhält es sich bei der Fernopposition (siehe kleines Diagramm rechts oben) mit drei oder fünf Feldern zwischen den Königen.

Bei der virtuellen Opposition (siehe kleines Diagramm rechts unten) kommt es darauf an, dass alle vier Eckfelder des gedachten Rechtecks um die beiden Könige von gleicher Farbe sind (z. B. Kb2-Kf4, Rechteck: b2-f2-f4-b4). Wie die diagonale Opposition ist auch die virtuelle Opposition nur eine Vorstufe zur vertikalen oder horizontalen Opposition.

Alle möglichen Formen der Opposition mit einem weißen König auf b2 zeigt das Diagramm unten. Der eine weiße König könnte darin seine Position mit jedem der fünfzehn schwarzen Könige tauschen, ohne dass sich am System etwas ändert.

Damit gibt es insgesamt nur vier solcher Oppositions-Systeme von jeweils 16 Feldern, zwei auf den weißen Feldern (a2, b1) und zwei auf den schwarzen Feldern (a1, b2).

Dies ist bislang allerdings nur ein rein beschreibende Definition der Opposition. Mit „vertikal“, „horizontal“ und „diagonal“ sowie „nah“, „fern“ und „virtuell“ haben wir nun einige hilfreiche Benennungen für die verschiedenen Fälle.

Was sich mit der Opposition so alles anstellen lässt, sehen wir nun.

Offensive und defensive Opposition (“Grundreihenspiel”)

Bei zwei bloßen Königen auf sonst leerem Brett ist der Besitz der Opposition vollkommen sinnlos. Nach den Regeln ist die Partie ohnehin remis. Eine Bedeutung erhält die Opposition erst durch den Bezug auf ein bestimmtes Spielziel.

Solches können wir aber leicht vorgeben. Spielen wir das Spiel: Wer zuerst die Grundreihe des anderen betritt gewinnt.

Weiß am Zug nimmt mit 1.Ke4 die Opposition ein und gewinnt das Spiel durch eine Umgehung, z. B. 1…Kd6 2.Kf5 Ke7 3.Kg6 (oder 3.Ke5 Kd7 4.Kf6 usw.) 3…Kf8 4.Kh7 usw.

Wir sehen hier die offensive Funktion der Opposition: Der verteidigende König muss eines der verbotenen Felder freigeben und der angreifende König kann auf der anderen Seite vorgehen.

Auf der folgenden Reihe kann der angreifende König dann entweder durch eine weitere Umgehung weiter vordringen oder erneut die Opposition einnehmen. In jedem Fall wird deutlich, dass es für den verteidigenden König unmöglich ist, den angreifenden König in seinem Vormarsch aufzuhalten.

Wieder nimmt Weiß am Zug mit 1.Ke2 die Opposition ein, hier zunächst die Fernopposition, die nach 1…Ke5 2.Ke3 in die Nahopposition übergeht. Im Falle von 2…Kd5 wäre die Umgehung 3.Kf4 allerdings ein Fehler, da der schwarze König nach 3…Kd4 schneller die weiße Grundreihe erreicht als der weiße König die schwarze.

Weiß kann das Spiel hier also nicht gewinnen, immerhin durch 3.Kd3 Ke5 4.Ke3 usw. aber unentschieden halten.

Hier sehen wir die defensive Funktion der Opposition: Der weiße König behält die drei verbotenen Felder unter Kontrolle und verhindert so ein weiteres Vorgehen des schwarzen Königs.

In der Defensive braucht der weiße König nur die Opposition zu behaupten. In der Offensive nutzt der weiße König die Opposition zu einer Umgehung. Dabei gibt er zwar die Opposition vorübergehend auf, kommt dabei allerdings seinem Spielziel näher. Da dieses auf der Vertikalen liegt, spielt die Horizontale keine Rolle.

Zielfeld und Umgehung (“Zielfeldspiel”)

Sehen wir uns etwas genauer an wie die Umgehung funktioniert. Dazu definieren wir ein neues Spiel: Weiß gewinnt, wenn es ihm gelingt, das Zielfeld e8 zu erobern, d. h. es zu kontrollieren. Dies ist erreicht, wenn der weiße König darauf zugreifen kann, d. h. auf Schlagweite herankommt indem er eines der benachbarten Felder d8, d7, e7, f7 oder f8 betritt.

Wäre in der Diagrammstellung Schwarz am Zug, könnte der schwarze König mit 1…Ke5 die Fernopposition gewinnen und dann mühelos das Zielfeld e8 verteidigen.

Allerdings ist Weiß am Zug und so nimmt der weiße König mit 1.Ke2 die Fernopposition ein. Nach 1…Ke5 2.Ke3 Kf5 kann Weiß mit 3.Kd4 den schwarzen König umgehen und droht bereits mit dem weiteren Vormarsch Kd4-d5-d6-d7. Der schwarze König muss sich daher erneut mit 3…Ke6 in den Weg stellen.

Nun wäre eine zweite Umgehung mit 4.Kc5 falsch, da der weiße König so den Kontakt zum Zielfeld verliert und der schwarze König durch Einnahme der vertikalen Opposition mit 4…Ke5 eine sichere Verteidigungsposition einnehmen könnte.

Richtig ist allein 4.Ke4 mit erneuter Nahopposition. Nach etwa 4…Kd6 folgt dann die Umgehung 5.Kf5, wonach sich das Manöver wiederholen könnte, z. B. 5…Ke7 6.Ke5 Kd7 7.Kf6 Ke8 8.Ke6 Kd8 9.Kf7 und Weiß hat das Zielfeld e8 erobert.

Der weiße König darf das Zielfeld nicht aus den Augen verlieren, d. h. er muss in einem Dreilinien-Korridor (d, e und f-Linie) vorrücken. Ansonsten wiederholt sich ein typischer Dreischritt: 1) Nahopposition 2) Umgehung 3) Nahopposition eine Reihe höher, wobei der dritte Schritt des alten bereits der erste Schritt des neuen Zyklus ist.

Hauptlinie und Nebenlinien (Dreiliniensystem)

Der Mechanismus von Opposition und Umgehung benötigt wie gesehen drei Linien.

Das Zielfeld bestimmt die Hauptlinie (siehe Diagramm links). Auf dieser Hauptlinie ist die Opposition einzunehmen. Geht der verteidigende König dann zur Seite, ist auf den Nebenlinien eine Umgehung mit Annäherung an das Zielfeld möglich.

Die Kenntnis der Haupt- und Nebenlinien erlaubt eine schnelle Orientierung darüber, wann die Opposition zu wahren oder wann sie aufzugeben und eine Umgehung zu starten ist.

Zur Verdeutlichung sehen wir uns noch ein Beispiel zu unserem Zielfeld-Spiel an (siehe Diagramm rechts).

Schwarz am Zug könnte mit 1…Ka3 (oder auch 1…Ka5) und defensiver Opposition leicht unentschieden halten.

Weiß am Zug kann mit 1.Ka2 die Opposition einnehmen und in der Folge das Zielfeld e8 erobern, z. B. 1…Kb4 2.Kb2 Kc4 3.Kc2 Kd4 4.Kd2 Ke4 5.Ke2. Mit seinem letzten Zug hat der weiße König die Nahopposition auf der Hauptlinie eingenommen. Erst danach rückt er auf einer der Nebenlinien mittels Umgehung eine Reihe vor, z. B. 5…Kf4 6.Kd4 Ke5 7.Ke3 usw. wie bereits gesehen.

Genauso verläuft das Spiel, wenn der weiße König zunächst nur die Fernopposition einnimmt wie im folgenden Beispiel (siehe Diagramm links). Zuerst Opposition auf der Hauptline, dann Umgehung auf den Nebenlinien.

1.Ka2 (Fernopposition) 1…Kb6 2.Kb2 Kc6 3.Kc2 Kd6 4.Kd2 Ke6 5.Ke2 (Fernopposition auf der Hauptlinie) 5…Kd6 6.Kf3 (Umgehung auf der Nebenlinie) 6…Ke5 7.Ke3 (Nahopposition auf der Hauptlinie) 7…Kd5 8.Kf4 (Umgehung auf der Nebenlinie) 8…Ke6 9.Ke4 (Nahopposition eine Reihe höher auf der Hauptlinie) 9…Kd6 10.Kf5 usw.

Sichere Felder

Wir haben gesehen, dass Weiß im Zielfeld-Spiel mit Hilfe der Opposition das Feld e8 immer erobern kann. Gleiches gilt auf der 8. Reihe für alle Felder von b8 bis g8. Dies kann jeder leicht für sich selbst überprüfen. Darüber hinaus kann der weiße König eigentlich jedes Feld auf und zwischen der b- und g-Linie unter Kontrolle bekommen.

Allerdings gibt es auch sichere Felder. Auf der 8. Reihe sind dies a8 und h8 (siehe Diagramm rechts). Bei den übrigen Feldern kommt es auf die Stellung der beiden Könige an, inwieweit diese sicher bleiben oder vom weißen König erreicht werden können.

Der Grund für die Sicherheit der Eckfelder a8 und h8 bzw. die relative Sicherheit der übrigen Randlinienfelder liegt darin, dass es hier neben der Hauptlinie nur eine Nebenlinie gibt.

Statt eines Dreiliniensystems haben wir hier nur ein Zweiliniensystem. Der verteidigende König muss statt drei nur zwei nebeneinander liegende Felder unter Kontrolle behalten, was ihm auch ohne Opposition leicht gelingt. Oder anders gesagt: Auf zwei Linien gibt es keine Umgehung.

Ortvin Sarapu’s „Ein-Weg-Turm“-Spiel

Bevor wir zu praktischen Anwendungen der Opposition kommen, noch ein letztes Fantasiebeispiel (siehe Diagramm unten). In der Komposition von Ortvin Sarapu (siehe auch hier und hier) soll Weiß den schwarzen König matt setzen, darf dabei den Turm allerdings nur einmal ziehen.

Ohne Nutzung der Opposition gelingt dies nicht, z. B. 1.Kh2 Kh8 2.Kh3 Kh7 3.Kh4 Kh6 4.Kg4 Kg6 und da 5.Kf4 an 5…Kf6 scheitert, kommt Weiß nicht weiter.

Richtig ist allein die Einnahme der Opposition, z. B. 1.Kg2 (Fernopposition) 1…Kh7 2.Kh3 Kg7 3.Kg3 (Fernopposition auf der Hauptlinie) 3…Kh7 4.Kf4 (Umgehung auf der Nebenlinie) 4…Kg6 5.Kg4 (Nahopposition auf der Hauptlinie) 5…Kh6 6.Kf5 (Umgehung auf der Nebenlinie) 6…Kg7 (6…Kh5 7.Th1 matt) 7.Kg5 (Opposition auf der Hauptlinie) 7…Kh7 8.Kf6 (Umgehung auf der Nebenlinie) 8…Kg8 (8…Kh6 9.Th1 matt) 9.Kg6 (Opposition auf der Hauptlinie) 9…Kh8 10.Tf8 matt

Fortsetzung …

Mehr und vor allem Beispiele zu vertikalen und horizontalen Dreiliniensystemen im Text “Aufklärung über Opposition”. Dort finden sich am Ende auch Quellen- und Literaturangaben.

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3 Kommentare

  1. Erstellt am 2. Januar 2010 um 02:13 | Permanent-Link

    Hallo Wilhelm,
    wie immer sehr lehrreich!
    Dein Blog ist inzwischen zum regelmäßigen Besuchsziel für mich geworden. Vor allem auch die Lektion über die Analyse der eigenen Partien war für mich außerordentlich hilfreich. Vielen Dank dafür!

    marc.

  2. Erstellt am 16. Februar 2010 um 09:48 | Permanent-Link

    Hi Wilhelm,

    Deine Abhandlung über die Opposition ist wirklich hervorragend. Ich kann dies relativ gut beurteilen, da ich mich vor kurzem selbst an einem Artikel über dieses Thema versucht hatte und im Rahmen der Vorbereitung einiges über das Thema gelesen hatte.
    Übrigens war ich auf der Suche nach einem guten Bsp. für eine Opposition auf einer Diagonale und konnte kein schönes finden. Kennst Du ein geeignetes Bsp?

    Gruß,
    Stefan

  3. Erstellt am 5. August 2010 um 20:56 | Permanent-Link

    Hi Stefan!

    Vielen Dank für den freundlichen Kommentar. Meine Antwort kommt etwas spät, sorry. Habe mich einige Zeit wenig um die Website gekümmert.

    Beim Nachdenken über Deine Frage zur Diagonalopposition fiel mir folgende Stellung mit Schwarz am Zug ein:
    Weiß: Kd2, Bg3, h4 – Schwarz: Kd4, Bg4
    Weiß scheint die Opposition zu haben, aber nach 1.-Ke4 2.Kc3 Ke5 ist es tatsächlich Schwarz, der sich mittels der Diagonalopposition verteidigt.

    Die Eingabe von “Diagonalopposition” in die Suchmaschine ergab dann den Fund: http://books.google.de/books?id=WYDHbh8I5J4C – “A Guide to Chess Endings” von Max Euwe und David Hooper (zum Lesen einfach auf das Titelbild klicken). Dort findet sich auf den ersten Seiten eine sehr gute Darstellung der Opposition – und auch die eben genannte Beispielstellung.

    Sogar die vier Oppositionssysteme werden vorgeführt. Also nichts Neues unter der Sonne. Tja, die alten Bücher….

    Herzliche Grüße
    Wilhelm

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