Schachfieber http://www.schachfieber.de Sat, 21 Aug 2010 09:34:16 +0000 en hourly 1 Das doppelte Läuferopfer – Lasker, Miles, Owen und De Vere http://www.schachfieber.de/2010/08/19/das-doppelte-laeuferopfer-lasker-miles-owen-und-de-vere/ http://www.schachfieber.de/2010/08/19/das-doppelte-laeuferopfer-lasker-miles-owen-und-de-vere/#comments Thu, 19 Aug 2010 12:30:58 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=1897

Als Stammpartie des doppelten Läuferopfers gilt gemeinhin die Partie Emanuel Lasker – Johann Hermann Bauer, Amsterdam 1889. Nach dem zweiten Weltmeister wird es auch “Laskers Kombination” bzw. “Lasker’s Combination” genannt. Eher zufällig bin ich beim Bättern in Andrew Soltis Buch “Why Lasker Matters” darauf gestoßen, dass es bereits zwei Vorläufer gab, Amos Burn – Rev. John Owen, Liverpool 1884, und N.N. – Cecil De Vere, London 1867.

Spurensuche

Beide Partien sind nicht in der ChessBase Megabase. Trotzdem war die Partie Burn-Qwen 1884 schnell gefunden. Sie wird im Wikipedia-Artikel zu Lasker-Bauer 1889 erwähnt (siehe hier), und der Link zu Chessgames.com gleich mitgeliefert (siehe hier). Da dort die Partien von den registrierten Usern kommentiert werden können, erfuhr ich auf diesem Wege auch schnell, dass Owens doppeltes Läuferopfer so inkorrekt nicht war, wie es bei Wikipedia noch zu lesen ist. Allerdings verpasste er die mögliche Gewinnfortsetzung. Dazu später mehr.

Die Suche nach dem zweiten, älteren Vorgänger N.N.-De Vere, London 1867 gestaltete sich schwieriger. Nach längerer eigener Recherche suchte ich Hilfe, zum einen im Forum Schachfeld.de (siehe hier), und zum anderen beim “British Chess Magazine” (siehe hier). Schließlich hatte Andrew Soltis in seinem Buch geschrieben, dort sei 2003 über die beiden Vorgängerpartien berichtet worden. “They were little known until mentioned in the British Chess Magazine 2003.” (siehe hier – wo der gesamte Abschnitt zum Thema aus Soltis Buch zitiert wird)

Die Antwort von Steve Giddins, dem Chefredakteur des BCM, kam schnell. Er schickte freundlicherweise die genauen Quellenangaben sowie die Notation der Partie N.N.-De Vere 1867. Es handelte sich um eine im “Westminster Chess Club” gespielte Vorgabepartie (ohne schwarzen Königsspringer), die die beiden Autoren des Buches “The English Morphy? The Life and Games of Cecil De Vere, first British Chess Champion”, Owen Hindle und Bob Jones, in “The Field 14 ix 1867″ gefunden hatten.

Die Schachrubrik von “The Field” wurde damals von Samuel Boden (siehe hier), einem Lehrer und Förderer De Veres, betreut (siehe hier). Das erklärt vielleicht, wie die bemerkenswerte Vorgabepartie in die Zeitschrift gekommen ist. Zwei Jahre später, 1869, (nach anderen Angaben erst 1872 – siehe hier) gab Boden die Kolumne an De Vere ab, der sie bis 1872 betreute. Dann übernahm sie übrigens Wilhelm Steinitz (siehe hier). Jedenfalls wurde die Partie in der Dezemberausgabe 2003 des “British Chess Magazine” auf Seite 666 abgedruckt, in der Kolumne “Quotes and Queries column” als “Q & Q 9659″, die zu der Zeit – glaube ich – noch von Edward Winter betreut wurde.

Mit Rücksicht auf die früheren Partien mit doppeltem Läuferopfer von Reverend John Owen und Cecil Valentine De Vere fragt Soltis in “Why Lasker Matters”, mit welcher Berechtigung dieses dann “Laskers Kombination” heißt. Schließlich seien 1889, als der junge Emanuel Lasker seine Partie gegen Bauer spielte, übrigens in der ersten Runde seines ersten internationalen Turniers, beide bekannter gewesen als der spätere Weltmeister:

“Just how original was Lasker?  There had been published examples of the 2-bishop sack before, 1884.  Those combinations were carried out by masters (Cecil de Vere and John Owen) much better known than Lasker was in 1889.  Why isn’t it ‘deVere’s Combination’?” (siehe hier)

Die Antwort gibt Soltis selbst: Bis 2003 waren die Vorgänger so gut wie unbekannt. Aber abgesehen davon kann die Frage kaum ernst gemeint sein. Die Namensgebung im Schach hat überhaupt wenig mit historischer Korrektheit zu tun. So ist heute allgemein bekannt, dass die Lucena-Stellung im Turmendspiel nicht von Lucena, sondern von Salvio stammt. Der Name wird deshalb nicht geändert. Es bleibt also bei “Laskers Kombination”. Unter diesem Titel ist auch eine thematische Sammlung zum doppelten Läuferopfer von Victor Charushin (siehe hier) erschienen: “Lasker’s Combination”.

Was noch kommt

Im Folgenden möchte ich nicht nur die drei genannten Partien vorstellen, sondern diese in eine kleine “Ideengeschichte” des doppelten Läuferopfers einbetten. Dazu habe ich einige weitere, zumeist gut bekannte, Partien analysiert. Wobei mich zum einen das Funktionieren der Kombination interessierte, zum anderen aber auch, durch welche Fehler diese erst ermöglicht wurden. Für die Darstellung im Text habe ich die Analysen stark gekürzt. Sie können vollständig aber online nachgespielt oder heruntergeladen werden (dazu entweder den Link am Anfang der Partien oder die Diagramme anklicken).

Die Darstellung erfolgt in vier Abschnitten. Im ersten Abschnitt wird das doppelte Läuferopfer an zwei einfachen Beispielen vorgestellt. Dann komme ich im zweiten Abschnitt zur Partie Lasker-Bauer 1889 und einer ganz ähnlichen neueren Partie. Der dritte Abschnitt untersucht die Partie Burn-Owen 1884 und beleuchtet eine wichtige Feinheit, die sowohl von Owen als auch später von Noakh übersehen wurde und meines Wissens erst 1985 von Miles zum ersten Mal gespielt wurde. Im vierten Abschnitt folgt mit N.N.-De Vere und einer ganz ähnlichen aktuellen Partie wieder leichtere Kost.

I) Doppelte Läuferopfer zur Einstimmung

Das doppelte Läuferopfer ist zunächst ein Zerstörungsopfer, das die schützenden g- und h-Bauern der Rochadestellung beseitigt. Im Anschluss wird gegen den entblößten König dann ein Schwerfigurenmatt auf der g- und h-Line  angestrebt, ein Treppen-Matt, oder wie die Engländer sagen: ein Rasenmäher-Matt (lawnmower mate – siehe hier). Der Angreifer benötigt dafür in der Regel Dame und Turm als Reserve. Bedingung für einen erfolgreichen Angriff ist zudem die Abwesenheit von verteidigenden Figuren.

Die beiden ersten Beispielpartien zeigen solche ganz direkten Angriffe mit doppeltem Läuferopfer. Zwar kann bzw. könnte der Verteidiger in beiden Fällen das Matt noch abwehren, aber nur um den Preis großer Materialverluste.

Filatov,Leonid – Mayer,Steven
Philadelphia 2000
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1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 e6 4.Ld3 c5 5.b3 Le7 6.Lb2 Sbd7 7.Sbd2 b6 8.0-0 Lb7 9.De2 0-0 10.Se5 Dc7 11.a3 a6 12.f4 b5? Nach dem Aufzug des weißen f-Bauern sollte Schwarz mit 12…Se4 mindestens eine der beiden weißen Läuferdiagonalen schließen. 13.Sxd7! Weiß ergreift die Gelegenheit zur Öffnung der langen Diagonale für seinen schwarzfeldrigen Läufer. 13…Sxd7 Auf 13…Dxd7 folgt 14.dxc5! 14.dxc5 Sxc5? Diagramm


  

Nach dem Versäumnis im 12. Zug ist die schwarze Stellung kritisch. Aber das Nehmen auf c5 mit dem Springer erleichtert dem Anziehenden die Aufgabe. Komplizierter wäre die Gewinnführung nach dem Schlagen mit dem Läufer. Dadurch hätte der Nachziehende Gegenspiel immerhin gegen den weißen Bauern e3 bekommen. Ich habe den Eindruck, dass in vielen praktischen Beispielen die Läufereinschläge für den Verteidiger überraschend kamen und nicht vorhergesehen wurden. 15.Lxh7+! Die Bedingungen für das doppelte Läuferopfer sind ideal. Der weiße Turm f1 steht zum Eingreifen über die dritte Reihe bereit. Und die schwarze Dame wird auf der siebten Reihe durch den eigenen Läufer auf e7 bei der Verteidigung des Königs behindert. 15…Kxh7 16.Dh5+ Kg8 17.Lxg7! Kxg7 Keine der drei Möglichkeiten 17.-Kxg7, 17.-f6 und 17.-f5 bietet Chancen auf Verteidigung. Bei den f-Bauern-Zügen wird deutlich, wie hinderlich der eigene Läufer auf e7 ist, weil er die Wirkung der Dame auf der siebten Reihe unterbricht: 17…f6 18.Dg6 Tf7 19.Lh6+ oder 17…f5 18.Dg6 Tf7 19.Le5+ usw. 18.Dg4+ 1-0 Diagramm


  

Nach 18…Kh7 19.Tf3 Dd8 kann der Nachziehende das Matt durch Damenopfer gerade noch verhindern, steht aber hoffnungslos nach 20.Th3+ Lh4 21.Txh4+ Dxh4 22.Dxh4+ Kg7 23.Dg5+ Kh7 24.De7! Noch ein typischer Doppelangriff der Dame zum Schluss. Zwar hat Weiß hier schon Material gewonnen, doch nun geht noch eine weitere schwarze Figur verloren. 24…Tac8 25.b4.

Miles,Anthony – Browne,Walter
Luzern 1982
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1.Sf3 c5 2.c4 Sf6 3.Sc3 e6 4.e3 Sc6 5.d4 d5 6.dxc5 Lxc5 7.a3 a6 8.b4 La7 9.Lb2 0-0 10.Tc1 d4 11.exd4 Sxd4 12.c5 Sxf3+ 13.Dxf3 Ld7 14.Ld3 Lc6 15.Se4 Sxe4 16.Lxe4 Dc7 17.0-0 Tad8 Diagramm


  

Fast alle schwarzen Figuren stehen in der linken Bretthälfte. Der weiße Turm auf der c-Linie steht als Reserve bereit. 18.Lxh7+! Kxh7 19.Dh5+ Kg8 20.Lxg7! Kxg7?! Danach wird es matt. Insofern waren beide Züge des f-Bauern besser. Nach 20.-f6!? kann der Anziehende “nur” die Qualität gewinnen: 21.Dh8+ Kf7 22.Lxf8 Hier kommt dem Weißen der Umstand zu Gute, dass nach dem Zurücknehmen auf f8 die schwarze Dame auf c7 ungedeckt bliebe. So gewinnt Weiß einfach Material. Andernfalls wäre die schwarze Dame auf der 7. Reihe eine starke Verteidigungsfigur und f7-f6 eine wirksame Verteidigung. 22…Lb8 23.Dg7+ Ke8 24.Dxc7 (24.Dh6!?) 24…Lxc7 25.Ld6 und Weiß hat entscheidendes materielles Übergewicht. 21.Dg5+ Kh8 21…Kh7 22.Tc4. 22.Df6+! Der f-Bauer wird festgelegt. 22…Kg8 23.Tc4 Nebst Rasenmäher-Matt. 1-0 Diagramm


  

In dieser Partie verpasste der Nachziehende die beste Verteidigung (20…f6!? statt 20…Kxg7?!). Das ist durchaus typisch, dass die kritischen Fortsetzungen nur in den Kommentaren bzw. den Varianten auftauchen. Dies gilt gleichermaßen für die Verteidigung wie auch die Angriffsführung, wie wir noch sehen werden.

II) Emanuel Laskers Klassiker

Die Partie Lasker-Bauer 1889 bringt gegenüber den ersten beiden Beispielen etwas neues. Hier genügt der Angriff der Schwerfiguren allein nicht zum Partiegewinn. Quasi erst im Anschluss an den Angriff kommt es zu einem Doppelangriff der Dame, der schließlich doch zu materiellem Vorteil für den Angreifer führt.

Dieser Doppelangriff entsteht aber nicht zufällig, denn er wird durch die offene Königsstellung des Verteidigers begünstigt. Voraussetzung ist natürlich, dass es mindestens eine ungedeckte Figur gibt, die dem Angriff zum Opfer fallen kann. (Dieses Motiv haben wir in den ersten beiden Partien schon anklingen sehen: 24.De7 in Filatov-Mayer 2000 und die ungedeckte schwarze Dame auf c7 in der Variante 20…f6 21.Dh8+ Kf7 22.Lxf8 Txf8 23.Dh7+ in Miles-Browne 1982.)

Noch ein Wort zu den Umständen der Partie. 1889 hatte der zwanzigjährige Emanuel Lasker mit etwas Glück das Hauptturnier des Breslauer Schachkongresses gewonnen (während Siegbert Tarrasch im Meisterturnier triumphierte). Amsterdam war sein erstes internationale Turnier und gegen Bauer spielte er gleich in der ersten Runde am 26. August 1889.

Am Ende wurde Lasker Zweiter. Gewonnen wurde das Turnier mit einem Punkt Vorsprung von Amos Burn. Das ist deshalb interessant, weil fünf Jahre früher in Liverpool 1884 Reverend John Owen sein Doppelläuferopfer ausgerechnet gegen Amos Burn gespielt hat. Es liegt nahe zu vermuten, dass sich Lasker und Burn beim Turnier in Amsterdam darüber unterhalten haben. Jedenfalls dürfte es unwahrscheinlich sein, dass sich Amos Burn angesichts der Partie von Emanuel Lasker nicht an die Vorgängerpartie erinnert hat. Unwahrscheinlich ist aber auch, dass er um die verpasste Gewinnchance von John Owen wusste.

Lasker,Emanuel – Bauer,Johann Hermann
Amsterdam 1889
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1.f4 d5 2.e3 Sf6 3.b3 e6 4.Lb2 Le7 5.Ld3 b6 6.Sf3 Lb7 7.Sc3 Sbd7 8.0-0 0-0 9.Se2 c5
Mittels 9…Sc5! konnte der Läufer auf d3 abgetauscht werden. 10.Sg3 Dc7 11.Se5 Sxe5 12.Lxe5 Dc6 13.De2! Auf sofort 13.Sh5 ist 13…d4! gut. 13…a6?? Schwarz steht befriedigend, missachtet aber die weißen Drohungen am Königsflügel, die mit 13…Sd7 14.Sh5 f6 oder 13…Se4 14.Sxe4 dxe4 15.Lc4 f6 oder 13…g6!? pariert werden konnten. – Diagramm


  

14.Sh5! Sxh5?! Erlaubt das entscheidende doppelte Läuferopfer. Schlecht sind auch 14…d4?! 15.Sxg7! oder 14…Se8?! 15.Lxg7!. Etwas mehr Widerstand leistete nur 14…Tfd8! mit der möglichen Folge 15.Sxf6+! Lxf6 (15…gxf6 16.Dh5!) 16.Lxh7+ Kf8! 17.c3!?. 15.Lxh7+! Laskers Partie wurde zum klassischen Muster für das doppelte Läuferopfer. 15…Kxh7 16.Dxh5+ Kg8 17.Lxg7! Kxg7 Noch am besten. Beide f-Bauern-Züge verlieren chancenlos: 17…f6 18.Tf3! d4 19.Lh6 oder 17…f5 18.Le5! 18.Dg4+ Kh7 19.Tf3 Diagramm


  

Das drohende Rasenmäher-Matt kann Schwarz nur durch Damenopfer abwehren. 19…e5 20.Th3+ Dh6 21.Txh6+ Kxh6 22.Dd7! Eine für das doppelte Läuferopfer ganz typische Pointe am Schluss. Matt kann der Nachziehende gerade noch vermeiden, aber durch einen Doppelangriff geht weiteres Material verloren. – Der weitere Verlauf der Partie ist wenig interessant. Lasker verwertet seinen Vorteil tadellos. 22…Lf6 23.Dxb7 Kg7 24.Tf1 Tab8 25.Dd7 Tfd8 26.Dg4+ Kf8 27.fxe5 Lg7 27…Lxe5 28.De6. 28.e6 Tb7 29.Dg6 f6 30.Txf6+! Lxf6 31.Dxf6+ Ke8 32.Dh8+ Ke7 33.Dg7+ Kxe6 34.Dxb7 Td6 35.Dxa6 d4 36.exd4 cxd4 37.h4 d3 38.Dxd3 1-0

Im nächsten Beispiel kommt der charakteristische Doppelangriff der Dame nur in den Varianten vor. Der Partieverlauf ist von solchen Komplikationen frei.

Kuzmin,Gennadi – Sveshnikov,Evgeny
Moskau 1973
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1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 Dc7 6.Le2 a6 7.0-0 Sf6 8.Le3 Lb4 9.Sxc6 bxc6 10.Sa4 0-0 11.c4 Ld6 12.f4 Sxe4 13.Ld3 Sf6 14.c5 Le7 15.Ld4 Sd5? Diagramm


  

16.Sb6! Der Anziehende lenkt den schwarzen Springer d5 von der Verteidigung des Königsflügels ab. Warum dies nötig ist, zeigt der Verlauf des sofortigen doppelten Läuferopfers: 16.Lxh7+? Kxh7 17.Dh5+ Kg8 18.Lxg7 Kxg7! 19.Dg4+ Kh6! 20.Tf3? Für das Turm-Manöver ist keine Zeit. Weiß sollte besser mit der Dame Dauerschach geben. 20…Sxf4! Der schwarze Springer auf d5 greift rettend ein. Da Weiß zwei Figuren geopfert hat, kann Schwarz eine Figur zurückgeben und behält dennoch Materialvorteil. 16…Sxb6?! Diese Partie hat große Ähnlichkeit mit der Partie Lasker-Bauer 1889, weil nach der Abwehr der Mattdrohungen am Schluss ebenfalls ein Doppelangriff der Dame folgt. Allerdings zeigt sich dies nur in den Varianten 16.-Tb8 und 16.-Ta7. In beiden Fällen erobert die weiße Dame später den schwarzen Damenturm.

Man sehe: 16…Tb8!? 17.Sxd5 cxd5 18.Lxh7+! Da der schwarze Zentralspringer beseitigt ist, erfolgt das doppelte Läuferopfer. Weil die schwarze Dame über die c-Linie zu Hilfe kommen kann, bleibt es allerdings kompliziert. 18…Kxh7 19.Dh5+ Kg8 20.Lxg7 Dxc5+ (20…f6? 21.Dg6; 20…f5? 21.Dg6) 21.Kh1 Kxg7 22.Dg4+ Kh8! 23.Tf3 Dc2 Diagramm (Variante)


  

24.f5! Die Gewinnpointe. Es wird nicht nur die schwarze Bauernstellung verschlechtert, sondern vor allem der weißen Dame die Diagonale b8-h2 geöffnet. 24…Dxf5 25.Txf5 exf5 26.Dh3+ Kg7 27.Dg3+ Der entscheidende Doppelangriff am Ende. 27…Kh6 28.Dxb8 und der Anziehende hat entscheidenden materiellen Vorteil.

Der Spielverlauf nach 16.-Ta7 gleicht dem nach 16.-Tb8: 17.Sxd5 cxd5 18.Lxh7+! Kxh7 19.Dh5+ Kg8 20.Lxg7 Dxc5+ 21.Kh1 Kxg7 22.Dg4+ Kh8 23.Tf3 Dc2 24.f5! Die gleiche Pointe. Nur diesmal wird der weißen Dame der Weg nach d4 frei geräumt. 24…Dxf5 25.Txf5 exf5 26.Dd4+ Erneut der entscheidende Doppelangriff am Ende. Sehr hübsch. 26…Kg8 27.Dxa7 und wieder hat Weiß entscheidend Material erobert.

Der Partieverlauf nach 16…Sxb6?! ist leicht verständlich. 17.Lxh7+! Kxh7 18.Dh5+ Kg8 19.Lxg7! Kxg7 Die f-Bauern-Züge sind nicht besser: 19…f5 20.Dg6 Tf7 21.Lh6+ Kh8 22.Dxf7 oder 19…Lxc5+ 20.Kh1 f5 21.Dg6 Tf7 22.Lh6+ Kh8 23.Dxf7 oder 19…f6 20.Dg6. 20.Dg4+ Kh7 21.Tf3 1-0 Diagramm


  

Dem Nachziehenden bleibt nur das Opfer der Dame, wodurch die Lage hoffnungslos wird. 21…Dd8 22.Th3+ Lh4 23.Txh4+ Dxh4 24.Dxh4+ Kg7 25.Dg5+ Kh7 26.cxb6.

III) John Owens verpasste Gelegenheit und Tony Miles Einfall

Im dritten Abschnitt kommt wieder etwas neues hinzu. Zunächst könnte es so scheinen als triumphiere die Verteidigung. Denn in zwei der drei vorgestellten Beispiele verliert die opfernde Seite am Ende die Partie. Tatsächlich ist es so, dass die verteidigende Seite mit einer wirksamen Dame auf der siebten (bzw. zweiten) Reihe das zweite Läuferopfer nicht mehr annehmen muss, sondern statt dessen den f-Bauern ziehen kann. So wird unter Rückgabe von Material die Dame in die Verteidigung einbezogen und es entsteht eine unklare Stellung.

Aber die wirksame Dame auf c7 (alles jetzt aus weißer Sicht) hat auch einen Nachteil. Denn wenn kein Läufer auf e7 und kein Springer auf d7 steht, dann ist das Feld f6 nur vom Bauern g7 gedeckt. Daher muss der Angreifer gar nicht sofort den zweiten Läufer auf g7 opfern, sondern kann statt dessen mit Lb2-f6 zunächst den f-Bauern blockieren. Erst wenn diese Blockade mit Le7 oder Sd7 gebrochen werden soll, erfolgt verzögert das zweite Opfer auf g7. Mit dem uns schon vertrauten Ergebnis.

In allen drei Partien hatte der Angreifer die Gelegenheit, mittels dieses Manövers die Partie zu seinen Gunsten zu entscheiden. Aber nur Anthony (Tony) John Miles (siehe hier) hat diese in seiner Partie gegen Dizdarevic in Biel 1982 auch ergriffen. Insofern darf man wohl bei der Zugfolge Lb2-f6xg7 vom “Miles-Manöver” sprechen. Wenn sich denn kein früheres Beispiel findet.

An dieser Möglichkeit gingen aber nicht nur Reverend John Owen und Mikhail Noakh vorbei. Auch in der recht ausführlichen Darstellung des Doppelläuferopfers im Buch “Essential Chess Sacrifices” von David LeMoir wird dieses Motiv nicht gewürdigt. Die Partie Noakh-Moissieev 1962 wird sogar Beispiel einer gelungenen Verteidigung präsentiert: “Finally, we come to a game in which declining the second bishop succeeds in avoiding the worst of the attack.” (S.209) Die Möglichkeit zum Miles-Manöver wird kommentarlos übergangen. (Einige andere Beispiele von LeMoir hat übrigens Thomas Binder nachspielbar ins Netz gestellt – siehe hier)

Amos Burn (siehe hier) und Reverend John Owen (siehe hier) zählten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den besten Schachspielern Englands. Owen, geboren 1827, war 21 Jahre älter als Amos Burn, geboren 1848. Beide waren Mitglied im “Liverpool Chess Club”. (siehe hier) Als Burn als 19jährig eintrat, war zunächst er der von Owen lernende. Später wurde der Schüler stärker als der Lehrer. Z.B. gewann Burn 1887 die “British Chess Federation Championship” in London. (siehe hier)

Burn,Amos – Owen,John
Liverpool 1884
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1.Sf3 e6 2.d4 b6 3.e3 Lb7 4.b3 Sf6 5.Lb2 d5 6.Sbd2 Ld6 7.Ld3 0-0 8.c4 Sbd7 9.Tc1 De7 10.0-0 Se4 11.Dc2 f5 12.Se5 Sxd2 13.Dxd2 Tad8 14.Sxd7 Txd7 15.Dc2!? Vorsichtiger wäre das Verschließen der langen Diagonale a8-h1. [15.f3; 15.cxd5] 15…dxc4 16.bxc4?? Ein schlimmer Fehler. Der Anziehende musste mit dem Läufer wiedernehmen und so Gegenspiel gegen den schwarzen Bauern e6 anstreben. In diesem Fall wären die Folgen des schwarzen Doppelläuferopfers sehr unklar gewesen. Der Nachziehende hätte dann vermutlich weniger gewalttätig mit 16.-c5 fortsetzen sollen. – Diagramm


  

16…Lxh2+! 17.Kxh2 Das erste Läuferopfer muss der Anziehende annehmen. 17…Dh4+ 18.Kg1 Lxg2? Mit diesem Zug verpasste Reverend John Owen die (schachliche) Unsterblichkeit. Hätte er den Gewinnzug 18.-Lf3(!!) gefunden, hieße das Doppelläuferopfer heute möglicherweise nicht “Laskers Kombination”, sondern “Owens Kombination”. Erst ein Jahrhundert später war es Tony Miles, der in seiner Partie gegen Dizdarevic 1985 das Manöver Lb7-f3xg2 zum ersten Mal auf das Brett zauberte. – Aber auch wenn das Doppelläuferopfer in dieser Partie kein glückliches Ende nahm, ist die Partie doch ein schachhistorisches Dokument: Reverend John Owen spielte die Opferidee immerhin fünf Jahre vor Emanuel Lasker. Diagramm (Variante nach 18…Lf3!!)


  

Der Anziehende ist verloren. Sein f-Bauer ist blockiert und Schwarz droht einfach Turm f8-f6-h6. Weiß kann nur versuchen, mit 19.Le2 die Blockade aufzuheben. Aber dann folgt mit großer Kraft 19.-Lxg2, weil die weiße Dame nun auf der zweiten Reihe verstellt ist. 19.Le2!? (Es helfen weder 19.gxf3 Dg5+ 20.Kh2 Tf6 noch 19.Tfd1 Tf6 20.gxf3 Dh3! oder 19.Tfe1 Tf6 20.gxf3 Dh3!) 19…Lxg2!

Weiß ist hilflos: Keine der drei Möglichkeiten 20.Kxg2, 20.f3 und 20.f4 bietet noch Chancen. 20.Kxg2 (20.f4 Dg3 21.Tf2 Le4+ oder 20.f3 Dg3 21.Tf2 Lh3+ 22.Kh1 Dxf2) 20…Dg5+ 21.Kh1 (21.Kf3 Dg4#) 21…Tf6 Diagramm (Variante)


  

Der Anziehende verliert Haus und Hof: 22.f4 Th6+ 23.Lh5 Txh5+ 24.Dh2 Txh2+ 25.Kxh2 Dh5+ 26.Kg1 De2. Ende der Variante.

Zurück zur Partiefortsetzung. 19.f3!? Die Annahme des zweiten Läuferopfers ist nicht mehr erzwungen. Weiß kann sich durch das Ziehen seines f-Bauern verteidigen, weil die weiße Dame auf c2 auf der zweiten Reihe bei der Verteidigung hilft. Schlecht wäre dagegen 19.Kxg2? Dg4+ 20.Kh1 Df3+! 21.Kg1 Tf6 wie in Miles-Browne 1982. Wahrscheinlich etwas stärker als die Partiefortsetzung war aber 19.f4! Lxf1 20.Kxf1 Tf6 21.Df2 Dh3+ 22.Ke1 c5 23.Lf1. 19…Lxf1 20.Lxf1 Die Stellung ist unklar, wahrscheinlich ungefähr ausgeglichen. Im weiteren Verlauf setzen sich aber die weißen Läufer durch. 20…Tf6 21.Lg2 Th6 22.d5 exd5 23.Dxf5 De7 24.Ld4 c5 25.Le5 dxc4 26.Txc4 Dd8? Nach 26…Td1+ 27.Lf1 De6 28.Dxe6+ Txe6 29.f4 Td2 steht Schwarz gut. 27.Tg4 Tf7 28.Dc2 Th5 29.f4 Kf8 30.Lf1 Td7 31.Dc3 g6 32.Lf6 Dc8 33.Lg5 Tg7 34.Tg2 Dd7 35.Lc4 b5 36.Df6+ Ke8 37.De5+ Kf8 38.Db8+ De8 39.Dd6+ Te7 40.Df6+ 1-0

Nun zum “modernen Klassiker”, in dem das “Miles-Manöver” tatsächlich auf das Brett kam.

Dizdarevic,Emir – Miles,Anthony
Biel 1985
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1.c4 b6 2.d4 e6 3.Sf3 Sf6 4.e3 Lb7 5.Ld3 d5 6.b3 Ld6 7.0-0 0-0 8.Lb2 Sbd7 9.Sbd2 Se4 10.Dc2 f5 11.Tad1?! Ein typischer Fehler in solchen Stellungen. Der Anziehende muss mittels Sf3-e5 oder cxd5 mindestens eine der beiden schwarzen Läuferdiagonalen 11.Se5 oder 11.cxd5 geschlossen halten. 11…Sxd2! Das typische Verfahren: Schwarz legt die lange Diagonale offen. 12.Sxd2?! Wahrscheinlich steht Schwarz schon in jedem Fall besser, sowohl nach 12.Sxd2 als auch 12.Txd2. Schwer zu sagen, welche Fortsetzung Weiß bessere Überlebenschancen bietet. 12…dxc4 13.Sxc4? Besser war 13.Lxc4! Lxh2+ 14.Kxh2 Dh4+ 15.Kg1 Lxg2 16.Lxe6+ Kh8 17.f3 Lh3 18.Se4 Lxf1 19.Lxd7. – Diagramm


  

Nach dem Schlagen auf c4 mit dem Springer ist Weiß verloren. Aber allein wegen des Manövers, das Tony Miles in dieser Partie zum ersten Mal spielt (meines Wissens nach). 13…Lxh2+! 14.Kxh2 Dh4+ 15.Kg1 Lf3!! Diagramm


  

Wahrscheinlich rechnete der Anziehende nur mit 15.-Lxg2(?) 16.f3!, wonach die Lage in der Tat sehr unklar bliebe. Aber 15.-Lf3(!!) ist entscheidend. Schwarz blockiert den weißen f-Bauern und droht Tf8-f6-h6. Und erst wenn Weiß die zweite Reihe mit einer Leichtfigur besetzt und damit die Wirkung der Dame auf c2 zum Königsflügel unterbricht, folgt der zweite Teil des doppelten Läuferopfers auf g2.

16.Sd2 Es gibt nichts besseres. Die Blockade des Bauern f2 ist für Weiß unerträglich: 16.Tfe1 Tf6 17.gxf3 Dh3! oder 16.gxf3 Tf6 17.Tfe1 Dh3! oder 16.e4 Tf6! 17.Lc1 Tg6 18.Se3 Th6. 16…Lxg2! Wegen der verstellten weißen Dame nun sofort entscheidend. 17.f3 Sowohl 17.Kxg2 als auch 17.f4 sind eher schlechter: 17.Kxg2 Dg4+ 18.Kh1 Tf6 19.Dxc7 e5! oder 17.f4 Dg3! 18.Tf2 Lh3+ 19.Kh1 Dxf2. 17…Tf6! Nicht 17…Dg3? 18.Se4! fxe4 19.Dxg2 Dxg2+ 20.Kxg2 exd3 21.Txd3. 18.Sc4?! Verzweiflung in aussichtsloser Lage. Auch 18.Lxf5!? exf5!? 19.Dc4+ Kh8 20.d5 Dg3 21.Df4 Dxf4 22.exf4 Tg6 23.Kf2 Lxf1 24.Sxf1 verliert. 18…Lh3! 0-1 Diagramm


  

Es könnte folgen: 18…Lh3 19.Td2 Tg6+ 20.Tg2 Lxg2 usw. Die Premiere von Lb7-f3(!!) und eine ganz wichtige Musterpartie von Tony Miles.

Nicht unter historischem, aber unter schachlichem Gesichtspunkt ist die folgende Partie die interessanteste. Wie zuvor ist das Miles-Manöver eine wichtige Pointe des Angriffs. Aber wegen eines Details führt er nicht unmittelbar zu einer Entscheidung, sondern zu einer komplizierten Stellung, in der der Angreifer materiell im Nachteil ist. Trotzdem scheint das Opfer am Ende doch zum Erfolg zu führen.

Noakh,Mikhail – Moisieev,Oleg
Leningrad 1952
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1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.e3 d5 4.Ld3 Le7 5.0-0 0-0 6.Sbd2 c5 7.b3 b6 8.De2 Lb7 9.Lb2 Sbd7 10.Tad1 Dc7 11.Se5 Tad8 12.f4 Ld6
Der Nachziehende hat das Schließen der langen Diagonale a1-h8 versäumt. 13.Sxd7! Das typische Offenlegen des Läufers b2. 13…Sxd7 14.dxc5 Sxc5 Das Nehmen mit dem Läufer ist ebenfalls problematisch. Diagramm


  

15.Lxh7+! Das doppelte Läuferopfer. Die Stellung ist fast die aus Dizdarevic-Miles 1985. Nur stehen Damenturm und Dame hier auf d1 und e2 statt auf a1 und d1. Man sollte meinen, dass der Turm auf d1 besser stünde. Aber wie wir sehen werden, ist das Gegenteil der Fall. 15…Kxh7 16.Dh5+ Kg8 17.Lxg7? Der gleiche Fehler wie in Burn-Owen 1884. Denn nun kann sich Weiß durch das Ziehen seines f-Bauern verteidigen. Statt dessen hätte dessen Blockade durch durch Lb2-f6 zum Erfolg geführt: 17.Lf6! – Diagramm (Variante)


  

In Dizdarevic-Miles 1985 war Verteidiger völlig chancenlos. Hier verschafft die Stellung des Damenturms auf d1 (statt a1) dem Nachziehenden eine Gegenspielmöglichkeit.

17…Sd7! Nur so! Andernfalls entscheidet das Manöver Tf1-f3-h3. Nach der Verstellung der schwarzen Dame auf der siebten Reihe erfolgt aber nun mit Verzögerung das zweite Läuferopfer.  18.Lxg7! Kxg7! (18…f6? 19.Tf3) 19.Dg5+ Kh8! (19…Kh7? 20.Tf3) 20.Tf3! Dxc2 – Diagramm (Variante)


  

Darin liegt der Witz. Wegen des ungeschützten Turmes auf d1 kann Weiß die schwarze Dame nicht wie in Dizdarevic-Miles 1984 möglich mit e3-e4 von der Verteidigung absperren.

Am Ende dürfte Weiß dennoch gewinnen. Aber die Abspiele sind wirklich kompliziert. 21.Th3+ (21.f5? Dxd1+ 22.Sf1 Dxf3=) 21…Dh7 22.Txh7+ Kxh7 Schwarz behält Turm und zwei Läufer gegen Dame und Bauer. Aber der schwarze König steht offen und die Figuren spielen nicht so gut zusammen. 23.f5! f6 24.Dg6+ Kh8 25.Dh6+! Kg8 26.fxe6 Se5 27.Sf3! – Diagramm (Variante)


  

Ich habe für den Nachziehenden keine Verteidigung gefunden. Eine mögliche Variante: 27…Tc8 28.Sxe5 Lxe5 29.Dg6+ Kh8 30.e4! La6 31.exd5 Ld6 32.e7 Lxe7 33.d6 Lxd6 34.Txd6 Tc1+ 35.Kf2 Tf1+ 36.Ke3 Te1+ 37.Kd2 Te2+ 38.Kc3 und Weiß gewinnt. Ende der Variante.

Zurück zur Partiefortsetzung. 17…f6! Weiß Schwarz kann sich ausreichend verteidigen, womit die Partie uninteressant wird. Auch wenn die Stellung ziemlich unklar und vermutlich ungefähr ausgeglichen sein mag. 18.Lxf8 Lxf8 19.Tf3 Dh7 20.Tg3+ Lg7 21.Dg4 Lc8 22.b4 Sb7 23.Tf1 Sd6 24.Dd1 Kf7 25.Th3 Dg6 26.Tg3 Df5 27.Sf3 De4 28.Sd4 Th8 29.Dg4 Dh7 30.Th3 Dg6 31.Dxg6+ Kxg6 32.Txh8 Lxh8 33.g4 e5 34.fxe5 fxe5 35.Sc6 Lf6 36.h3 a6 37.Td1 Sc4 38.Txd5 Lb7 39.Se7+ Lxe7 40.Td7 Lxb4 41.Txb7 Lc5 42.Kg2 Sxe3+ 43.Kf3 Sc4 44.Ta7 Sd6 45.h4 Kf6 46.h5 e4+ 47.Kf4 e3 48.g5+ Ke6 49.g6 Sf5 50.Kf3 Sd4+ 51.Kg4 Lf8 52.Kg3 e2 0-1

Das war eindeutig das schwierigste Beispiel.

IV) Cecil Valentine De Veres Premiere

Im vierten Abschnitt sehen wir nun die perfekten Bedingungen für den Angreifer. Wenn der Turm bereits auf der dritten bzw. sechsten Reihe bereit steht, läuft der Angriff wie Schnürchen. Denn im Vergleich zu den bisher untersuchten Partien muss kein Tempo mehr für das Einbeziehen des Turmes verwendet werden. In der allerersten Partie mit dem doppelten Läuferopfer von Cecil Valentine De Vere 1867 waren diese günstigen Bedingungen gegeben.

Ab Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts gehörte De Vere zu den besten Schachspielern Englands. 1866 gewann er die erste britische Meisterschaft, die noch nach dem Matchsystem (best of five) ausgetragen wurde, durch zwölf Siege und ohne Niederlage. (siehe hier und hier) “In 1866, the newly formed British Chess Association launched their new Challenge Cup, the winner of which would become the first official British Champion. De Vere was by far the strongest player in the tournament and won in true style to become, at 21, the youngest holder of the title of British Champion for over a century (…).” (siehe hier und hier) Wilhelm Steinitz nannte ihn “a young Morphy”.

De Vere wurde 1845 geboren und erlernte mit 12 Jahren das Schachspiel. Gefördert wurde er von Frank Burden und Samuel Boden. (siehe hier) Mit 14 Jahren wurde er Mitglied des”City of London Chess Club” und mit 15 Jahren besuchte er “Simpson’s Divan Tavern” und maß sich dort mit den besten Spielern. Ende 1861 wurde zum ersten Mal über ihn geschrieben, weil in einer Simultanpartie mit Louis Paulsen seine Begabung aufgefallen war. (siehe hier)

Sein Leben nahm allerdings eine tragische Wendung. 1867, ein Jahr nach dem Gewinn der Britischen Meisterschaft und im gleichen Jahr, in dem er sein erstes internationales Schachturnier in Paris spielte, starb zum einen seine Mutter und erhielt er zum anderen die Diagnose einer unheilbaren Lungentuberkulose, was einem Todesurteil gleichkam. De Vere verfiel in Depressionen und dem Alkohol. (siehe hier) “On the occasion of the Dundee tournament of 1867 he took long walks in the Scottish countryside with G.A. MacDonnell, who writes that a ‘black cloud’ descended on De Vere.  It may have been the discovery that he had tuberculosis; more probably he revealed to the older man a deep-rooted despair, the cause perhaps of his later addiction to alcohol.” (siehe hier)

Kurz vor seinem 30sten Geburtstag starb De Vere 1875 bei einem Kuraufenthalt in Torquay und erhielt dort ein Armenbegräbnis. (siehe hier) So erfüllte sich Steinitz Prophezeiung von De Vere als einem zukünftigen Morpy nicht. Immerhin war er es aber, der “Laskers Kombination”, das doppelte Läuferopfer zum ersten Mal in einer Partie spielte. Es war übrigens auch Torquay, wo der ebenfalls viel zu jung gestorbene Tony Miles 1982 seinen einzigen englischen Meistertitel errang. In gewisser Weise schließt sich so auf traurige Weise der Kreis.

N.N. – De Vere,Cecile Valentine
London 1967
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1.e4 d5 2.exd5 e6 3.dxe6 Lxe6 4.Sf3 Ld6 5.Le2 Sc6 6.Lb5 Ld7 7.0-0 0-0 8.Lxc6 Lxc6 9.d3 Te8 10.c3 Te6 11.Sd4?? Mit diesem Zug verdirbt der Anziehende seine Stellung völlig. – Diagramm


  

Wir sollten aber nicht vergessen, dass es sich um eine Vorgabepartie handelt. Den Angriff führt De Vere jedenfalls einwandfrei und so ist er nach gegenwärtigem Kenntnisstand der erste, der das Doppelläuferopfer in einer Partie spielte, 22 Jahre vor Emanuel Lasker und 17 Jahre vor Reverend John Owen. 11…Lxh2+! Mit dem schwarzen Turm auf der sechsten Reihe sind die Umstände ideal für das doppelte Läuferopfer. 12.Kxh2 12.Kh1 Dh4 13.Sf5 Dh3 14.f3 Dh5. 12…Dh4+ 13.Kg1 Lxg2! 14.Kxg2 Es gibt keine Verteidigung: 14.f3 Lh3! oder 14.f4 Lh3!. 14…Tg6+ 15.Kf3 Te8! 16.Tg1 Tf6+ 0-1 - Diagramm


  

Weiß wird in drei Zügen matt gesetzt: 16…Tf6+ 17.Sf5 Txf5+ 18.Kg2 Txf2#.

Wer denkt, Fehler wie 12.Sd4?? unterlaufen nur N.N.s, der sei auf die nächste Partie verwiesen. Im Vergleich zu N.N.-De Vere 1867 sind die Umstände hier sogar noch günstiger für den Angreifer, weil nicht nur ein Turm bereits auf der dritten Reihe steht, sondern der andere auch schon auf der e-Linie.

Polgar,Judit – Karpov,Anatoly
Hoogeveen 2003
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1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 Le7 7.0-0 Sc6 8.c4 Sb4 9.Le2 0-0 10.a3 Sc6 11.cxd5 Dxd5 12.Sc3 Sxc3 13.bxc3 Dd6 14.Tb1 b6 15.Te1 Le6 16.Ld3 Tae8 17.Tb5 Sa5 18.Tbe5 Sc6 19.T5e2 Ld7 20.d5 Sa5 21.Se5 Lf6 22.Lf4 Lxe5 23.Lxe5 Dxa3 24.Te3 Dc5??
Ein schlimmer Fehler. Der Nachziehende musste unbedingt etwas gegen das drohende Doppelläuferopfer tun. Nach 24…g6! hat der Anziehende Kompensation, mehr aber wohl nicht. – Diagramm


  

25.Lxh7+! Mit dem weißen Turm schon auf der dritten Reihe wird der schwarze König mittels des doppelten Läuferopfers schnell gefangen genommen. 25…Kxh7 Die Annahme des ersten Läuferopfers ist zumeist erzwungen, da die weiße Dame andernfalls umsonst nach h5 gelangt. 26.Dh5+ 1-0

Karpov wollte sich das Ende offenbar nicht mehr zeigen lassen. 26.Dh5+ Kg8 27.Lxg7! Die Annahme des zweiten Läuferopfers ist nicht immer erzwungen. Da Schwarz materiell bereits im Vorteil ist, sind immer die beiden Züge des f-Bauern zu prüfen (27…f5 28.Lf6 Txf6 29.Tg3+; 27…f6!? 28.Lxf6 Txf6 29.Tg3+). In diesem Fall sind sie aber kaum besser als das Nehmen des zweiten Läufers mit dem König. 27…Kxg7 28.Tg3+ Kf6 29.Dg5# – Diagramm


  

Ein denkwürdiger Zusammenbruch für einen Exweltmeister. Ein ganz ähnlicher Fehler unterlief Karpov aber auch 2009 im Schnellschach-Wettkampf mit Kasparov (21…Sc5?? statt 21…Se5=). (siehe hier)

Friedliches Ende

Natürlich gewinnt das doppelte Läuferopfer nicht immer. Wenn keine Reserven vorhanden sind oder Verteidiger bereit stehen, reicht es aber zu einem Dauerschach mit der Dame.

Heuer,Valter – Taimanov,Mark
Leningrad 1962
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1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e6 5.Sc3 a6 6.Le3 Dc7 7.Ld3 b5 8.0-0 Lb7 9.Sxc6 Dxc6 10.Ld4 Sf6 11.De2 Le7 12.a3 0-0 13.f4 d5 14.exd5 Sxd5
Diagramm


  

15.Lxh7+!? Der Anziehende forciert mittels des doppelten Läuferopfers das Remis. 15…Kxh7 16.Dh5+ Kg8 17.Lxg7 Kxg7 18.Dg4+ Kh8 Diagramm


  

Der schwarze König könnte auch nach h7 oder h6 ziehen. In diesem Beispiel sind alle drei Königszüge ausreichend: 18…Kh6 19.Dh3+! (19.Tf3? Dc5+ 20.Kh1 Sf6 21.Th3+ Sh5) 19…Kg6 20.Dg4+ oder auch 18…Kh7 19.Dh5+ (19.Tf3? Dc5+ 20.Kh1 Sxf4 21.Txf4 Dg5 (21…f5) 22.Dh3+ Dh6) 19…Kg7 20.Dg4+, immer mit Dauerschach. 19.Dh5+ Der Anziehende muss Dauerschach geben. Für das Einbeziehen des Königsturmes Tf1-f3-h3 ist keine Zeit. 19.Tf3? Dc5+ 20.Kh1 Sf6 21.Th3+ Sh7 Wichtig ist die verteidigende schwarze Dame. Ohne sie würde Dg4-h5 mit Matt auf h7 für Weiß gewinnen. 19…Kg7 1/2-1/2

Wer seine Fertigkeiten beim Opfern beider Läufer gleich testen möchte, kann dies bei Chess.com tun. Dort gibt es ein kleines Quiz, bei dem man selbst online die Züge machen muss. (siehe hier) Viel Erfolg!

Ende

Rechtlicher Hinweis

In der Regel verwende ich gemeinfreie Fotos oder solche mit Creative Commons Lizenz. Bei möglicherweise urheberrechtlich geschützten Fotos frage ich beim Rechteinhaber um die Erlaubnis zur Verwendung nach. Bei diesem Artikel gestaltete sich das schwierig. Fotos von John Owen und Amos Burn sind selten. Trotz mehrmaliger Anfragen erhielt ich von den National Museums Liverpool keine Antwort. Ich gehe aber davon aus, dass ein Urheberrechtschutz bei Fotos aus dem 19. Jahrhundert lange ausgelaufen ist. Auch bei den Fotos von Cecil De Vere und Tony Miles gehe ich davon aus, dass diese frei verwendbar sind. Sollte dies nicht der Fall sein, bitte ich um eine kurze Mitteilung.

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Begegnungen mit Rossolimo http://www.schachfieber.de/2010/08/08/begegnungen-mit-rossolimo/ http://www.schachfieber.de/2010/08/08/begegnungen-mit-rossolimo/#comments Sun, 08 Aug 2010 12:01:38 +0000 Robert http://www.schachfieber.de/?p=1170

Der 100. Geburtstag von Nicolas Rossolimo am 28.02.2010 wird hoffentlich Anlass dafür sein, dass das Leben und Schaffen dieses interessanten Mannes in Schach-Medien gewürdigt und von Schachhistorikern um einige Erkenntnisse erweitert wird. (W.S.: Der Artikel wurde im Februar verfasst!) Sein Lebenslauf zeigt, dass Leben und Karriere von Nicolas Rossolimo von großen persönlichen Veränderungen durch weltpolitische Einflüsse geprägt waren, die er mit Mut zum Wagnis, mit Tatkraft und Ideen anging, wie seine Stationen Kiew, Moskau, Paris und New York sowie sein Broterwerb als Schachspieler, Musiker, Taxifahrer, Schachcafébetreiber und Buchhändler erahnen lassen.

Seine schachlichen Spuren von der Jugendzeit in Moskau bis zur reifen Meisterschaft im besetzten Frankreich der ersten Hälfte der 40er Jahre sind zumindest in gängigen Datenbanken nur ansatzweise und lückenhaft nachgezeichnet.

Rossolimo in Paris

Einen guten Überblick über Rossolimos Erfolge bei der Meisterschaft von Paris seit seinem gelungenen Debut 1931 (3. Platz) liefert die informative Website  Heritage des Echecs Francais. Die jeweils zum Jahresende und manchmal über den Jahreswechsel hinausgehenden Meisterschaften wurden mit zumeist zwei Spieltagen in der Woche ausgetragen und waren ein Treffpunkt vieler starker Spieler verschiedener Nationalitäten mit Aufenthalt in Paris.

Die Rossolimo zugeschriebenen acht Meistertitel von Paris müssen nach obiger Quelle auf sechs Meisterschaften (1933, 1935, 1936, 1947, 1948, 1949) gekürzt werden, die aber um zwei Turniersiege (1937, 1939) bei internationalen Turnieren in Paris ergänzt werden dürfen (1938: 2.Platz einen halben Punkt hinter Capablanca).

Nach seinem Rücktritt vor Beginn der Pariser Meisterschaft Ende 1938 aus gesundheitlichen Gründen startet Rossolimo erst wieder 1947 und gewinnt wie auch in den beiden folgenden Jahren. Die mit dem 2. Weltkrieg und der deutschen Besetzung Frankreichs beginnende Lücke im Auftreten bei Pariser Turnieren ist auffallend und bietet Raum für Nachforschungen.

Interessant ist dabei, dass gerade die vielleicht glänzendste Kombination Rossolimos überhaupt von Hans Müller in “Lerne kombinieren” (Diagramm 294) mit der Angabe “Paris 1944″ gegen N.N. angegeben wird und zwei weitere Partiefragmente ebenfalls dieser Zeit zugeschrieben werden.

Ob diese Lücke geschlossen werden kann, bleibt angesichts der durch die deutsche Besatzungszeit stark reduzierten und beschränkten französischen Medien offen.

“Persönliche” Begegnungen mit Rossolimo

Schachmeistern begegnet der Schachfreund zumeist in Büchern und Schachzeitschriften anhand ihrer Partien oder ausgewählten Partiestellungen. Moderne Medien liefern daneben auch Videoausschnitte von aktuellen Schachereignissen. Ein Besuch von Schachwettkämpfen mit seiner Live-Atmosphäre ist eine andere gute Gelegenheit, die ein Schachfreund, so häufig es geht, ergreifen sollte. Nicolas Rossolimo ist mir aus Gründen von Zeit und Raum natürlich nur in indirekter Art begegnet, doch waren die Begegnungen einprägsam.

Zu meinen liebsten Schachbüchern, die ich aus der örtlichen Bücherei in Jugendtagen wiederholt entlieh, gehörten Hans Müller “Lerne kombinieren” und Werner Lauterbach “Das unsterbliche Spiel”, Band 1 und 2. Beim Studium dieser Bücher stößt man unausweichlich auf Nicolas Rossolimo und ist von seinem kreativen Spiel und seiner Kombinationsgabe begeistert. So prägt sich dann ein Name ein, der, wie manch anderer Meister auch, in der gesamten Schachliteratur allenfalls als Randfigur neben den historischen Schachgrößen auftaucht, obwohl er etlichen von ihnen ein starker, ebenbürtiger Gegner war.

Rossolimo war auch unbeabsichtigt und von mir unbemerkt eine Art Taufpate, als ich meine erste freie Schachpartie bei der Schachvereinigung Lasker-Steglitz e.V. im Café Schallehn spielte. Die Niederlage gegen einen knapp 14-jährigen Oberschüler mit Nickelbrille lag sicherlich nicht am System “1. e4 c5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lb5″, das den Namen Rossolimos trägt, seitdem er es Ende der 40er Jahre überaus erfolgreich in der Turnierpraxis anwandte. Auch das Ambiente im Spiellokal einschließlich der Anfang der 80er Jahre noch vorherrschenden Rauchschwaden hat vermutlich gut zu Rossolimos Schachcafé in New York gepaßt – nur mein eigenes Spiel gegen den “kleinen Professor” eben nicht.

Vom Schachfieber gepackt stieß ich schon bald beim Sammeln von Schachkolumnen aus Illustrierten (hauptsächlich alte Stern meines Vaters) und Tageszeitungen wieder auf Rossolimo mit seiner Glanzpartie gegen Reissmann vom Turnier 1967 in San Juan (Schachinformator 3/250). So lange neue Schachfreunde ihr Schachstudium mit den offenen Spielen und der Italienischen Partie beginnen, werden sie auf diese Partie stoßen und neugierig sein, was der Meister außerdem geschaffen hat.

Rossolimo,Nicolas – Reissman,Paul
Puerto Rico 1967
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Diese Partie wurde laut Werner Lauterbach mit dem 1. Schönheitspreis ausgezeichnet. 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d4 exd4 6.cxd4 Lb4+ 7.Ld2 Lxd2+ [7...Sxe4 8.Lxb4 Sxb4 9.Lxf7+ Kxf7 10.Db3+ d5 11.Se5+ Ke6 12.Dxb4 Df8  1/2 (45) Rossolimo-Addison 1965] 8.Sbxd2 d5 [8...Sxe4 9.Sxe4 d5 10.Lxd5 Dxd5 11.Sc3 Dd8 12.d5 1-0 (42) Rossolimo-Dunkelblum Dubrovnik 1950] 9.exd5 Sxd5 10.Db3 Sce7 11.0-0 c6 [11...0-0 12.Tfe1 Sb6 13.Ld3 Sc6 14.Tac1 1/2 (19) Rossolimo-Portisch 1968] 12.Tfe1 0-0 13.a4 Diagramm


  

[13.Tac1 Db6 14.Da3 Le6 15.Se4 1-0 (45) Rossolimo-O'Kelly de Galway Hastings 1950] 13…b6? [Besser war 13...Db6 14.a5 Dxb3 15.Sxb3 Td8 (15...Lf5 16.Se5 1/2 (20) Rossolimo-Koenig Hastings 1948) 16.Sc5 Tb8 17.Se5 1/2 (42) Rossolimo-Unzicker Heidelberg 1949] 14.Se5 Lb7 Weiß steht besser. 15.a5 Tc8 16.Se4 Dc7 17.a6! La8 18.Dh3 Sf4 19.Dg4 Sed5 20.Ta3 Se6? Diagramm


  

21.Lxd5! cxd5 22.Sf6+ Kh8 23.Dg6!! [23.Dxe6 gewinnt auch, allerdings weniger phantasievoll, z. B. 23...fxe6 24.Sg6+ hxg6 25.Th3#] 23…Dc2 [23...fxg6 24.Sxg6+ hxg6 25.Th3#; 23...gxf6 24.Dxf6+ Sg7 25.Tg3 Tg8 26.Sxf7+; 23...Sg5!? 24.Dxg5] 24.Th3! Diagramm


  

[24.Th3 Dxg6 25.Sxg6+ fxg6 26.Txh7#] 1-0

Nachdem der Kulminationspunkt dieser Partie auch anlässlich einer von mir besuchten “schachfiebernden” Trainingseinheit vorgestellt wurde, schließt sich jetzt für mich ein kleiner Kreis der Begegnungen mit ihm. Ähnlich meiner ersten Partie in einem Verein beschäftigt sich auch mein erster Artikel für Schachfieber.de gerade mit diesem Spieler passenderweise zu seinem 100. Geburtstag. Wie diese Trainingspartie wird auch hier mein erster Versuch etwas unbeholfen und holprig bleiben.

Bevor ich einzelne Stücke aus Rossolimos Schaffen wachrufe, möchte ich ihm ein paar Fragen stellen:

  • Konnten Sie in den 30er und 40er Jahren gegen Aljechin spielen oder mit ihm analysieren?
  • Wie kommt es, dass ein großer Anhänger des Läuferzuges nach c4 in den offenen Partien ausgerechnet im klassischen Sizilianer die Entwicklung nach b5 bevorzugte?
  • Welchen Einfluss nahmen politische Entwicklungen auf ihre Schachlaufbahn?

Rossolimo als Studienkomponist

In Jugendjahren und noch in Kiew komponierte Rossolimo bereits einige Schachstudien (in der Sammlung van der Heijdens enthalten), doch schuf er seine schönste Studie in einer praktischen Partie in Paris im Jahre 1944 gegen einen unbekannten Gegner:

Rossolimo,Nicolas – N.N.
Paris 1944
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Auf den ersten Blick wirkt die weiße Stellung nicht gerade sehr viel versprechend. 1.Txf5! exf5 [Auch 1...Sxd4+!? 2.cxd4 exf5 3.Dxh6+ Kxh6 4.Th1+ Kg6 5.Kf4 Dc6 hilft nicht wegen 6.d5! fxe4 7.dxc6 Te6 8.Lh5+ Kh7 9.Lxf7+ Th6 10.Txh6+ Kxh6 11.c7] 2.Dxh6+! Kxh6 [2...gxh6 3.Sf6+ Kh8 4.Tg8#] 3.Th1+ Kg6 4.Kf4!! Diagramm


  

Matt in drei Zügen ist nicht zu vermeiden. 4…De6 [4...fxe4 5.Lh5+ Kh7 6.Lxf7+ Dh3 7.Txh3#; 4...Sxe5 5.Lh5+ Kh7 6.Lxf7#] 5.Th8! fxe4 6.Lh5# Dieser Partieausschnitt findet sich auch bei Neistadt “Schachpraktikum” S. 54. 1-0

Hans Müller kommentierte dies in seinem Buch: “Eine problemartige Mattführung, die nur ein Genie ersinnen konnte.” Es wäre schön, wenn zu diesem glänzenden Ausschnitt weitere Informationen und insbesondere eine vollständige Notation zu finden wären.

Eine partienahe Studie Rossolimos sei gleich angefügt:

Rossolimo,Nicolas
Studie 1931
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1.Dd7! Tg8 [1...Kg6 2.Dxg7+! Kh5 (2...Kf5 3.Sd4+ Ke4 4.Dg4+) 3.De5+ Kg4 (3...Kg6 4.De6+ Kh7 5.Dd7+ Kg6) 4.Dg3+ Kh5 (4...Kf5 5.Sd4+ Ke4 6.Dg4+ Ke5 (6...Kd5 7.De6+ Kc5 8.Dc6#) 7.Sc6+) 5.Dh3+ Kg6 6.Se5+ Kh7 (6...Kg5 7.Dg3+) 7.Dd3+ Kg8 8.Dg6+ Kh8 9.Sf7#] 2.Df5+ Kh8 3.Dg6 Df4 4.Kf2! Diagramm


  

[4.Lb2? Df6!! (4...De3 5.Kg3!!) ] 4…Dc1 5.Ld4 Dh1 [5...Df4 6.Lb2] 6.Lb2 Dh3 7.Kg1!! Zugzwang!

Der Berliner Meister Rudolf Teschner charakterisierte in einem in der deutschen Schachzeitung (Januar 1976) erschienenen Nachruf  Nicolas Rossolimo als einen Spieler mit kombinationsreichem Stil auf positioneller Grundlage. Zur Illustration dieser Beschreibung dient sehr gut eine Partie, die Rossolimo eben gegen Teschner in Monte Carlo 1969 mit klarer Strategie im Kampf gegen das Läuferpaar gewann:

Teschner,Rudolf – Rossolimo,Nicolas
Monte Carlo 1969
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1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 0-0 5.Ld3 d5 6.Sf3 c5 7.0-0 Sc6 8.a3 Lxc3 9.bxc3 dxc4 10.Lxc4 Dc7 11.Dc2 e5 12.Ld3 Te8 13.Sxe5 [13.e4!? ergibt Verwicklungen, ohne letztlich einen weißen Vorteil behaupten zu können. 13...exd4 14.cxd4 Lg4! 15.e5!? führt zur bekannten Partie I. Sokolov-Kasparov Wijk 1999 (15.Dxc5 Lxf3 16.gxf3 Dd7 17.Le3 Sxe4 18.Lxe4 Txe4 19.fxe4 Dg4+= ist ein bekanntes Remisabspiel seit einer anderen Partie eines Berliner Spielers: Dr. Lehmann-Kholmov Havanna 1965) ] 13…Sxe5 14.dxe5 Dxe5 15.f3 Ld7 Beide Spieler folgten bekannten und bewährten Wegen. Der weißen Absicht der Aktivierung des Läuferpaares wirkt Schwarz mit Blockademanövern entgegen. 16.Tb1 Nimmt La4 aus der Stellung, doch ist hier 16. a4 das Hauptabspiel. 16…Lc6 17.c4 Tad8 18.Te1 Diagramm


  

18…h6N Rossolimo weicht vom Vorbild Larsens ab. In der Folge zeigt er die Vorzüge von h6, indem er nach provoziertem e3-e4 seinen Springer über h5, f4, e6 nach d4 überführt. Strategisch scheint er klarere Vorstellungen als der Weiße zu haben, der auf die Langzeitwirkung seines Läuferpaares und des Bauernzentrums setzt. [18...h5 19.Lf1 h4 20.e4 Sh5 21.Df2 De7 22.Le3 b6 23.Db2 Td6 24.Df2 La4 25.Tb2 Df6 26.Td2 Txd2 27.Lxd2 Td8 28.Lc1 g5 29.g3 hxg3 30.hxg3 Ld1 31.e5 Dxf3 32.Lxg5 Td4 33.Dxf3 Lxf3 34.Kf2 Lg4 35.a4 Le6 36.Le2 Lg4 1/2 Gligoric-Larsen 1956] 19.Lb2?! Schematisch gespielt – es war besser, den schwarzen Ideen entgegenzuwirken: 19.Lf5 unterbindet Dg5! 19…Ld7 20.Lxd7 Txd7 Weiß hat die bessere Leichtfigur. Schwarz hat etwas Druck auf der d-Linie.] 19…Dg5! 20.e4 Weiß hat einen sehr wirksamen schwarzfeldrigen Läufer im Part mit einem schlechten weißfeldrigen Läufer. Das Gespann hinterlässt keinen überragenden Eindruck. Die d-Linie darf Weiß auch nicht unbeobachtet lassen. [20.f4 Dxg2+ 21.Dxg2 Lxg2 22.Kxg2 Txd3 23.Lxf6 gxf6 24.Txb7 Txa3] 20…Sh5! 21.Lc1 De5 22.Lf1 [22.Lb2] 22…Sf4 Wer tauscht den Springer jetzt gerne ab, um mit dem schlechteren Läufer zu verbleiben? 23.Le3?! Se6 24.Df2 b6 25.Dg3? Danach verbleibt Weiß ohne Gegenspiel. [25.Tbd1] 25…Dxg3 26.hxg3 La4 Diagramm


  

Weiß ist strategisch überspielt. Sein Läuferpaar ist passiv, der Gegner besitzt die d-Linie und das Einstiegsfeld d4. 27.Le2 Sd4 28.Kf2 [28.Lxd4 Txd4] 28…Sc2! Rossolimo spielt jetzt seine taktische Stärke aus. 29.Ld1 Nicht ausreichend – Weiß kann die Bindungen der schwarzen Figuren in der Folge nicht ausnutzen. [29.Tec1 Sxe3 30.Kxe3 f5 31.Ld3 Td4; 29.Ted1 Sxe3 30.Txd8 Sg4+ Desperado 31.fxg4 Txd8] 29…Sxe1 30.Lxa4 Sd3+ 31.Ke2 Te6 32.Td1 Ted6 33.f4 Sb2 Diagramm

Der Schlussteil wurde vermutlich unter weißer Zeitnot gespielt. Schwarz steht auf Gewinn. 34.Txd6 Txd6 35.Lb5 Td3 36.e5 Txa3 37.f5 Kf8 38.Lc1 Txg3 39.Lf4 Txg2+ 40.Kf3 Tc2 0-1

Keine spektakuläre Partie, aber ein Sieg konsequenter schwarzer Strategie bei der Bekämpfung des Läuferpaars. Der Verlierer Rudolf Teschner war zu diesem Zeitpunkt ein stark zu beachtender Gegner, wie sein vorangegangener 5. Platz im Weltklassefeld von Bamberg 1968 bewies. Im Nachruf auf Rossolimo würdigte er ihn als Spieler mit kombinationsreichem Stil auf positioneller Grundlage.

Rossolimo in den USA

Nicolas Rossolimo erreichte seine größten Erfolge Ende der 40er und Anfang der 50er, wofür er auch die Titel internationaler Meister und Großmeister verliehen bekam. Herauszuheben sind sein Sieg im Traditionsturnier von Hastings 1948/49 (1949/1950 ungeschlagener Zweiter mit +6, =3 hinter Szabo vor Euwe) und der Sieg bei den Offenen US-Meisterschaften 1955 in Long Beach mit den Gewinn eines Buick, wie hier auf einem Foto zu sehen.

Nach seiner Übersiedlung mit Familie nach New York um 1952 wurden seine Teilnahmen an größeren Turnieren deutlich seltener und beschränkten sich auf einige US-Meisterschaften und die dreimalige Teilnahme an Schacholympiaden für die USA 1958, 1960 und 1966, was sicherlich mit dem Betrieb des “Rossolimo Chess Studio” in Manhattan zusammenhing.

Ebenso wie sich wie sich sein Kreis bei Schacholympiaden schließt, indem er nach Dubrovnik 1950 (2. Brett hinter Tartakower) bei der Olympiade 1972 in Skopje wieder Frankreich (nunmehr am 1. Brett) vertritt, beendete er auch seine internationale Turnierkarriere mit einem bemerkenswerten 3. Rang. Diesmal allerdings nicht bei einer regionalen Meisterschaft wie Paris 1931, sondern bei den 3. World Open bei sich zu Hause in Manhattan reifen Alter von 65 Jahren.

Nur wenige Wochen nach diesem letzten Erfolg kam er unter nicht ganz geklärten Umständen infolge von Kopfverletzungen bei einem Treppensturz ums Leben.

Beenden möchte ich die Begegnungen mit Rossolimo mit seinen Anfängen – einer kleinen Kombination aus Moskauer Jugendzeiten des Jahres 1926:

Rossolimo,Nicolas – N.N.
Moskau 1926
Partie online nachspielen


  

1.Lxg7! h5 [1...f5 2.Dxf5 Txc1 3.Le5 Tc6 4.Dg5+; 1...Lxg7 2.Txc8] 2.Df5 Txc1 3.Ld4 Txd1?! [3...Tcc8 4.Dg5+ Kh7 5.Dxh5+ Lh6 6.Dxf7+; 3...Tc6 4.Dg5+ Tg6 5.Dxd8; Kämpfen konnte Schwarz nur mit 3...Db1!? 4.Df6! (4.Dg5+ Dg6 5.Dxg6+ fxg6 6.Txc1) 4...De4+ 5.Kh3 De6+ 6.Dxe6 fxe6 7.Txc1 mit großem weißen Vorteil.] 4.Dg5+ Kh7 5.Dxh5+ Lh6 6.Dxf7+ Lg7 7.Dxg7# 1-0

Weitere Beispiele – Weitere Partien online nachspielen

Robert Schmidt, Berlin im Februar 2010

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Harry Potter – oder: Zauberschach für Muggel http://www.schachfieber.de/2010/08/04/harry-potter-oder-zauberschach-fuer-muggel/ http://www.schachfieber.de/2010/08/04/harry-potter-oder-zauberschach-fuer-muggel/#comments Wed, 04 Aug 2010 01:35:46 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=1619

Sie standen am Rande eines riesigen Schachbretts, im Rücken der schwarzen Schachfiguren, allesamt größer als sie und offenbar aus einer Art schwarzem Stein gemeißelt. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Gruft, standen die weißen Figuren. Harry, Ron und Hermine erschauderten – die riesigen weißen Figuren hatten keine Gesichter. ‘Und was sollen wir jetzt tun?’, flüsterte Harry. ‘Ist doch klar’, sagte Ron. ‘Wir müssen uns durch den Raum spielen.’ (…) ‘Wie?’, sagte Hermine nervös. ‘Ich glaube’, sagte Ron, ‘wir müssen Schachfiguren werden.’” – Mit diesen Sätzen beginnt die große Schachszene in “Harry Potter und der Stein der Weisen” (siehe hier und hier).

In der von Joanne K. Rowling (siehe hier) geschaffenen Welt von Harry Potter (siehe hier, hier und hier) spielen Harry, Ron und Hermine in den ersten fünf Bänden regelmäßig Zauberschach (siehe hier). Nur im ersten Band bekommt Schach eine solche dramatische Bedeutung wie im oben angesprochenen Riesenschachduell. Trotzdem weist das Zauberschach einige bemerkenswerte Züge auf, die auch für Muggel (Menschen ohne Zauberkräfte – siehe hier) recht interessant sind. Bevor ich darauf eingehe, möchte ich zunächst das große Duell und seine Umsetzung für und in der Verfilmung der Geschichte vorstellen.

(Nur nebenbei: In der deutschen Ausgabe von Harry Potter wird “chessmen” unschön mit “Schachmenschen” anstatt “Schachfiguren” übersetzt. – Kritisch zur Übersetzung auch: Ina Karg und Iris Mende: Kulturphänomen Harry Potter, S.116 – siehe hier und hier)

Die Schachpartie im Buch

Zurück zur Partie. Für alle, die das Buch nicht gelesen haben, hier die wichtigsten Momente (Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen, Hamburg 1998, Carlsen-Verlag, S.305-308):  Harry, Ron und Hermine nehmen die Plätze dreier schwarzer Figuren ein und müssen sich in einem ganz realen, überlebensgroßen Zauberschachspiel bewähren. Als bester Spieler der drei Freunde übernimmt Ron nach Absprache die Führung der Partie:

“‘(…) Harry, du nimmst den Platz dieses Läufers ein, und Hermine, du stellst dich neben ihn an die Stelle dieses Turms.’ ‘Was ist mit dir?’ ‘Ich bin ein Springer’, sagte Ron. Die Schachfiguren hatten offenbar zugehört, denn in diesem Augenblick kehrten ein Springer, ein Läufer und ein Turm den weißen Figuren den Rücken und schritten vom Platz. Sie ließen drei leere Quadrate zurück, auf denen Harry, Ron und Hermine ihre Plätze einnahmen.”

Schließlich kommt der entscheidende Moment. Um die Partie zu gewinnen, muss Ron sich opfern. “’Ja …’, sagte Ron leise, ‘das ist die einzige Chance … Ich muss geschlagen werden.’ ‘NEIN!’, riefen Harry und Hermine. ‘So ist es eben im Schach’, herrschte sie Ron an. ‘Manchmal muss man Figuren opfern! Ich springe vor und sie schlägt mich, dann könnt ihr den König schachmatt setzen, Harry’. (…) Er sprang vor und die weiße Dame stürzte sich auf ihn. Mit ihrem steinernen Arm schlug sie Ron heftig gegen den Kopf und er brach auf dem Boden zusammen. Hermine schrie, blieb aber auf ihrem Feld. Die weiße Dame schleifte Ron zur Seite. Offenbar hatte sie ihn bewusstlos geschlagen. Harry ging mit zitternden Knien drei Felder nach links. Der weiße König nahm seine Krone ab und warf sie Harry zu Füßen. Sie hatten gewonnen.”

Der Partieverlauf von Jeremy Silman

Der amerikanische Internationale Meister Jeremy Silman (siehe hier und hier) hat zu der im Buch erzählten Schachpartie eine echte nachspielbare Schachpartie erfunden. Auf seiner Website schildert er in dem Artikel “Harry Potter. The Complete Position” (siehe hier und ergänzend hier und hier) wie erfreut er war, den Auftrag zu bekommen, einen Partieverlauf für die Verfilmung des Stoffes zu entwerfen. Wie der Titel seines Artikels bereits andeutet, war Silman mit der Umsetzung seiner Partie im Film allerdings nicht so ganz glücklich. Es folgt eine kurze Zusammenfassung:

Die Hauptaufgabe war, eine Position zu entwerfen, die Rons Opfer rechtfertigen würde. Eine weitere Vorgabe bestand darin, dass die Zugfolge für den Film mit einem Schlagen beginnen musste. Das Ergebnis vieler Stunden des Probierens und vieler Telefonate mit den Drehbuchautoren war die Stellung des Diagramms 1. (siehe auch hier und hier)

Harry ist der Läufer auf a3, Ron der Springer auf g5 und Hermine der Turm auf f8. Weiß ist am Zug. – 1.Dxd3 – Wegen der schwarzen Drohung Sg5-h3 matt schlägt die weiße Dame den schwarzen Bauern. So wird h3 gedeckt und Harry auf a3 angegriffen. - 1.-Tc3 – Eine kleine Kombination. Das Feld c5 wird für Harry geräumt. – 2.Dxc3 – Die Dame schlägt den Turm und bedroht erneut Harry. (Übrigens beginnt im Film der nachvollziehbare Spielverlauf mit diesem Zug.) Wie Silman erläutert, dient dies und das zweifache Schlagen vor allem dazu, die Zuschauer gegen die weiße Dame einzunehmen. Wir erreichen damit Diagramm 2.

Dies ist der kritsche Moment. Schwarz ist am Zug und Ron muss eine Entscheidung treffen. Möglich wäre ein Matt in zwei Zügen durch 2.-Lc5+ 3.Dxc5 Sh3#. Aber bei dieser Zugfolge würde Harry geopfert, was ausgeschlossen ist. Daher entscheidet sich Ron für ein Matt in drei Zügen, wobei er sich selbst opfern muss. – 2.-Sh3+ – Der schwarze Springer bzw. Ron lenkt die weiße Dame von c5 ab, damit Harry dort Schach geben kann. – 3.Dxh3 – Der einzige Zug und das dritte Schlagen der weißen Dame. – 3.-Lc5+ 4.De3 – Wiedrum erzwungen, um das Matt hinauszuschieben. Für Silman sollte das Schlagen der weißen Dame die Zuschauer emotional entschädigen, die vorher drei Züge lang deren Zerstörungswerk mitansehen mussten. – 4.-Lxe3# – Die Mattstellung zeigt Diagramm 3.

Die Umsetzung von Rons Selbstopfer ist Silman gut gelungen. Die Wahl zwischen den Matts in zwei und drei Zügen war eine tolle Idee, wobei sich in beiden Fällen Harry, Ron und Hermine als Schachfiguren gut ergänzen. Womit also ist Silman nicht zufrieden? Tatsächlich war die Zugfolge für den Film zu lang. So wurden der Anfang und dann auch noch das Schlagen der weißen Dame herausgeschnitten. Im Ergebnis wurde die Schachposition im Film damit beinahe unkenntlich gemacht. Mehr dazu gleich bei der Besprechung des Films. Kurz: Für Silman war (nicht nur) die Schachszene einfach “incomplete”:

“After the movie I found myself deluged with questions like, ‘Why can’t anyone tell what the position is?’ (Evidently, the people who designed the pieces didn’t consider this to be important.); ‘Why isn’t your name in the credits?’ (Sigh…I was hoping nobody would notice that. If you watch the credits role, you will see everyone from the hairdressers to the donut delivery boy given thanks for their part in the creation of the film. The omission of the ‘chess guy’ shows just how far down the food chain we are!); ‘Didn’t grandmaster Speelman design the chess scenes for Potter?’ (NO! He was the chess guy for THE LUZHIN DEFENSE.); and ‘Was this position taken from a master game?’” (siehe hier)

(Nebenbei: Alexey Root – siehe hier – hat in dem Vortrag “Integrating chess in the curriculum” aus der Opferszene in Rowlings Buch und auf Silmans Website ein paar Beispiele für die Verwendung von Schach im Schulunterricht entworfen: z. B. eine Literaturaufgabe, bei der die Erzählung in einen Nachrichtenbericht umgeschrieben werden muss, oder eine Schachaufgabe, bei der die Schüler einen eigenen Partieverlauf entwerfen und darstellen müssen – siehe hier S.6-11)

Die Schachpartie im Film

In mehrfacher Hinsicht unterscheiden sich die schachlichen Darstellungen im Film von denen im Buch und sogar von Silmans Partieentwurf. Die wichtigste Veränderung betrifft das Zauberschach selbst (ich gehe im nächsten Abschnitt näher darauf ein). Im Buch schlagen sich die Figuren zwar. Doch im Film zerschlagen und zerstören sie sich. Das ist ein ziemlicher Unterschied. Möglicherweise haben die Filmemacher sich dabei von Battle Chess (siehe hier, hier und hier) oder Dejarik bzw. Holochess (siehe hier, hier und hier) anregen lassen. Wie ein kleiner Werbefilm mit Rupert Grint, dem Darsteller von Ron, zeigt (siehe hier), wird im Film auf die Lust am Zerstören bzw. an Action gesetzt. (Bei mir offenbar mit Erfolg, wie dieser Beitrag mit seinen vielen Zitaten zur Genüge zeigen dürfte.)

Im Film (und auch im Buch) geht der Riesenschachszene eine Zauberschachszene voraus, die den Zuschauer mit den besonderen Regeln vertraut macht: Harry und Ron spielen Zauberschach, wobei sie ihre Züge nur ansagen. Das Schlagen und Zerschlagen übernehmen die Figuren, die den angesagten Zügen der beiden dabei willenlos folgen. Die zuschauende Hermine ist entsetzt über die Gewalt auf dem Schachbrett und nennt diese “total barbarisch”. Worauf Ron strahlend erwidert, “das ist Zauberschach”. (Hermine: “That’s totally barbaric”! Ron: “That’s wizard’s chess.) Wie sich das im Film darstellt, kann sowohl in einem animierten Bild (siehe hier),  in einem Video (siehe hier) oder gleich hier im folgenden eingebetteten Video angesehen werden.



Ein schönes Detail: Die Figuren im Film sind den berühmten Lewis-Schachfiguren aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nachempfunden (siehe hier, hier, hier, hier, hier und hier)

Nun aber zum Riesenschach. Zu Beginn der Partie fragt Hermine, das sei doch hoffentlich nicht wie richtiges Zauberschach. Doch nach dem ersten (Zer-)Schlagen ist Rons Antwort klar, das ist genauso wie Zauberschach. (Hermine: “Ron, you don’t suppose this is going to be like real wizard’s chess, do you?” Ron: “Yes, Hermoine. I think this is gonna be exactly like wizard’s chess.”) Womit klar ist, es geht für die zu Schachfiguren gewordenen Harry, Ron und Hermine mehr oder weniger um Leben und Tod.

Im Gegensatz zum Buch verlassen im Film keine Schachfiguren das Brett. Der schwarze Königsläufer und der schwarze Damenturm fehlen von vornherein, so dass Harry und Hermine nur noch die beiden freien Plätze einnehmen müssen. Ron wird dagegen zum schwarzen Königsspringer, indem er sich auf das Pferd setzt und den ebenfalls frei gelassenen Platz des Ritters einnimmt. Logisch ist das alles nicht unbedingt. Immerhin wird durch den Kniff der “Verdopplung” des schwarzen Königsspringers im Film später durch deren Trennung das Zerstören der Figur bei gleichzeitigem Überleben von Ron ermöglicht.

Im Film schlagen Harry, Ron und Hermine keine weißen Figuren. Anders im Buch, wo es von Ron heißt: “Er selbst jagte auf dem Brett umher und schlug fast so viele weiße Figuren, wie sie schwarze verloren hatten.” Und auch Hermine erhält von Ron die Anweisung zu einem Schlagzug: “Deshalb kannst du jetzt diesen Läufer schlagen, Hermine, geh los.” Allerdings wird dieses Schlagen nicht näher beschrieben, ganz im Gegensatz zum gnadenlosen Vorgehen der weißen Figuren. Hier dürfte auch die Erklärung für das Auslassen des Schlagzuges 4.-Lxe3# liegen. Während Silman dies bedauert, weil die Zuschauer so um die von ihm geplante Zerstörung der weißen Dame gebracht werden, wollen die Macher des Filmes keine Gewalt zeigen, die von Harry ausgeht. Das zumindest ist meine Vermutung. Und ich finde, sie liegen damit völlig richtig.

Falls man den Partieentwurf von Silman kennt, lässt sich der Spielverlauf im Film durchaus wiedererkennen. Falls nicht, dann wohl kaum. Anhand dreier Screenshots kommentiere ich kurz die Filmstellungen. (Durch Anklicken lassen sich die Bilder übrigens vergrößern.)

Der Einstieg in Silmans Partieentwurf beginnt im Film mit dem Schlagen des schwarzen Turmes auf c3 durch die weiße Dame (2.Dxc3). Bild 1 zeigt die Sellung danach von der linken Brettseite aus. Vorne ist Harry auf a3, gleich dahinter die weiße Dame auf c3 zu sehen. Links stehen der schwarze Springer auf a5 (streng genommen falsch, da der zweite schwarze Springer im Buch längst geschlagen wurde) und der schwarze Läufer auf c6. Hinten rechts der weiße König auf g1 und der weiße Bauer auf h2. Hinten in der Mitte steht der schwarze Springer mit Ron auf g5. Und auf f8 kann man Hermine eher erahnen als sehen. Etwas störend sind die vielen Überreste geschlagener Figuren auf dem Brett. So steht z. B. auf e5 ein regulärer weißer Bauer, während es sich auf d5 nur noch um einen Torso handelt. Aus anderem Blickwinkel ist dies kaum zu erkennen.

In Bild 2  gucken wir von der rechten unteren Brettseite aus. Harry auf a3 und Hermine auf f8 sind gut zu erkennen. Ron (rechts) ist mit seinem Springer gerade von g5 nach h3 gezogen und bietet dem weißen König auf g1 (links) Schach. Nun kommt die weiße Dame (mittig) von c3 aus auf ihn zu, wobei sie sich gerade über das Feld e3 bewegt. Es sieht so aus, als würde ein weißer Bauer auf d5 vor dem schwarzen Läufer auf c6 stehen. Aber wie wir aus Bild 1 wissen, ist das nur noch ein Überbleibsel.

Auf einen wichtigen Unterschied zwischen Buch und Partie möchte ich noch hinweisen. Im Buch ist es Ron, der als erster davon spricht sich zu opfern. Im Film dagegen ist es Harry, der zuerst bemerkt, was Ron vorhat. Erst danach beginnt die kurze Diskussion. Dadurch wird Harry einerseits als Schachspieler aufgewertet. Andererseits passt dies sehr gut zu Silmans Entwurf mit den beiden alternativen Matts. Während es im Buch praktisch keine Wahl gibt, haben Harry, Ron und Hermine im Film wirklich mehrere Möglichkeiten. Das ist ziemlich gut gelungen.

In Bild 3 stehen wir schräg hinter dem weißen König auf g1, dessen Kopf wir groß im Vordergrund sehen. Harry kommt vom Feld a3 und begibt sich nach c5, wobei er das Feld gerade mit einem Fuß betritt. Hermine steht auf f8 und Ron ist geschlagen und liegt auf dem Boden, was wir allerdings nicht sehen können. Gleich anschließend findet im Film ein Schnitt statt. Denn statt noch auf c5 steht Harry bereits auf dem Feld e3 und die Partie ist zu Ende.

Die Riesenschachpartie kann bei Youtube (siehe hier) und Yougoggle (siehe hier) angesehen werden. Die Bildqualität ist nicht gut, aber erträglich. Das zweite Video ist hier auch nachfolgend eingebettet.



Soweit der Film “Harry Potter und der Stein der Weisen”. Für Popcornkino eigentlich keine schlechte Schachszene.

Zauberschach im Buch

Wir verabschieden uns vom Film und wenden uns nun ganz den Harry Potter Büchern zu. Bei der bildlichen Darstellung im Film wurde der “Battle Chess”-Aspekt in den Mittelpunkt gestellt. Die anderen Aspekte des Zauberschachs blieben unbeachtet. Dabei sind sie eigentlich viel interessanter, nur eben schwerlich im Film zu realisieren. Bücher lassen der Fantasie vergleichsweise mehr Spielraum.

Tatsächlich ist in den sieben Bänden der Harry Potter Reihe nicht so oft von Zauberschach die Rede. Eine besondere Rolle spielt es nur in der Riesenschachszene. Ansonsten ist es nicht mehr als ein Zeitvertreib. Alles wichtige zum Zauberschach wird bereits bei dessen Einführung im ersten Band gesagt. Spätere kurze Erwähnungen in den Bänden zwei bis fünf bringen inhaltlich nichts neues. Bester und aktivster Spieler ist Ron. Manchmal spielt er mit Harry, häufiger aber mit Hermine. Wobei sein Angebot zum Zauberschachspielen von Harry auch gelegentlich ausgeschlagen wird: “‘Hast du Lust auf Schach, Harry?’, fragte Ron. ‘Nein.’” (Band 1, S.231 – siehe auch Band 3, S.225)

Die Regeln des Zauberschachs sind dieselben wie beim normalen Schach. Nur die Figuren sind völlig anders. Diese sind keine aus Holz oder Plastik gefertigten “toten” Gegenstände, sondern höchst lebendig und eigenwillig. Insofern ist das Zauberschach typisch für die animistische Harry Potter Welt. Nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen und Dinge haben gelegentlich einen eigenen Willen. In der magischen Welt muss man eigentlich immer damit rechnen, dass die Dinge der Umgebung ein Eigenleben entwickeln. Zauberschach als magisches Objekt ist nur ein Beispiel dafür. Im Buch wird es mit den folgenden Sätzen eingeführt:

“Ron brachte Harry auch Zauberschach bei. Das ging genauso wie Muggelschach, außer dass die Figuren lebten, und so war es fast das Gleiche wie Truppen in eine Schlacht zu führen. Wie alles andere, das Ron besaß, hatte es einst – jemandem aus seiner Familie gehört – in diesem Fall seinem Großvater. Allerdings waren die alten Schachfiguren überhaupt kein Nachteil. Ron kannte sie so gut, dass er sie immer mühelos dazu bringen konnte, genau das zu tun, was er wollte. Harry spielte mit Schachfiguren, die ihm Seamus Finnigan geliehen hatte, und die trauten ihm überhaupt nicht. Er war noch kein guter Spieler und sie riefen ihm ständig Ratschläge zu, allerdings widersprüchliche, was ihn heftig verwirrte: ‘Schick mich ja nicht dorthin, siehst du denn nicht seinen Springer? Schick doch den da, auf den können wir verzichten.’” (Band 1, S. 217f.)

Diese dichte Textpassage enthält alle Erläuterungen über Zauberschach oder vielleicht besser Zaubererschach (wizard’s chess). Dabei bleibt durchaus Raum für Interpretationen. Überraschend ist zunächst, dass das gewalttätige Schlagen der Figuren (anders als im Film, Hermine: “That’s totally barbaric”) gar nicht vorkommt. Was übrigens für den gesamten ersten Harry Potter Band gilt. Der “Battle Chess”-Aspekt taucht zum ersten Mal in der Riesenschachszene auf: “Richtig mit der Angst zu tun bekamen sie es erst, als der andere Springer geschlagen wurde. Die weiße Dame schlug ihn zu Boden und schleifte ihn vom Brett, wo er mit dem Gesicht nach unten bewegungslos liegen blieb.” (Band 1, S.306) Die Brutalität der weißen Figuren wird dabei besonders hervorgehoben. Nach der Partie verneigen sich auch dort die weißen Figuren höflich und geben den Weg frei. Im üblichen Zauberschach ist von Brutalität keine Rede. Erst im zweiten Band findet sich überhaupt eine Andeutung von Gewalt: “(…) als einer von Rons Läufern ihren Ritter vom Pferd zerrte und ihn vom Brett schleifte.” (Band 2, S.206) Kurz, auch wenn Prügeleien zwischen den Figuren vorkommen, ist dieser Aspekt doch von untergeordneter Bedeutung.

Viel wichtiger ist, dass die Figuren leben und ihre eigene Persönlichkeit haben. Die Spieler ziehen weder die Figuren noch nehmen sie diese vom Brett. Das ist allein Sache der Figuren. Daher kommt es für die Spieler darauf an, eine Beziehung zu den Figuren zu entwickeln, ein Vertrauensverhältnis. Es ist “fast das Gleiche wie Truppen in eine Schlacht zu führen”, heißt es im Buch. Wird der Schachspieler von seinen Figuren nicht anerkannt, folgen sie möglicherweise nicht den Anweisungen. Und dann wird es schwierig.

Daraus ergibt sich fast von selbst, dass Zauberschachspieler üblicherweise mit ihren eigenen Figuren spielen. Ron hat seinen Satz von seinem Großvater übernommen. Er ist mit seinen Figuren also gut vertraut und dürfte als starker Spieler auch ihre Achtung gewonnen haben: “Ron kannte sie so gut, dass er sie immer mühelos dazu bringen konnte, genau das zu tun, was er wollte.” Ganz anders Harry. Er ist als Anfänger weder ein guter Spieler noch besitzt er einen eigenen Satz Figuren. Einen solchen bekommt er im Buch erst etwas später. So überrascht es nicht, dass die geliehenen Figuren Harry kaum folgen wollen: “Harry spielte mit Schachfiguren, die ihm Seamus Finnigan geliehen hatte, und die trauten ihm überhaupt nicht.” Kurz, einen Satz Schachfiguren zu führen ist eine echte Herausforderung an die Spieler. Ergänzend dürfen wir wohl annehmen, dass die Figuren ihre Farbe wechseln können. Sonst ließe sich schwerlich immer mit den eigenen Figuren spielen.

Bei einem eingespielten Team arbeiten Spieler und Figuren gut zusammen. Möglicherweise werden die Figuren gelegentlich den einen oder anderen Tipp geben. Aber sie stellen sich in den Dienst der gemeinsamen Sache und folgen den Anweisungen des Spielers. Gibt es aber keine Harmonie und Vertrauen zwischen Spieler und Figuren, dann widersetzen sich die Figuren den Anweisungen und auch unter den Figuren nehmen Eigensinn und Egoismus zu. Harry bekommt dies zu spüren: “Er war noch kein guter Spieler und sie riefen ihm ständig Ratschläge zu, allerdings widersprüchliche, was ihn heftig verwirrte: ‘Schick mich ja nicht dorthin, siehst du denn nicht seinen Springer? Schick doch den da, auf den können wir verzichten.’”

Ein Zauberschachspieler ist also angewiesen auf eine gute Verständigung mit seinen Schachfiguren. Aber auch im normalen Schach heißt es: Hilf Deinen Figuren, dann helfen sie Dir. Der Satz wird Paul Morphy zugeschrieben (“Help your pieces so they can help you.” – siehe hier). Eine genaue Quelle ist mir allerdings nicht bekannt. Ganz unabhängig davon ist die Wahrheit des Satzes unbestritten. So könnte man auf den Gedanken kommen, dass das Zauberschach möglicherweise mehr mit dem normalen Schach verbindet als es zunächst den Anschein hat.

Mit den Figuren sprechen

“Mit den Figuren sprechen” gilt heute als wichtige Methode bei der Zug- und Planfindung. Eigentlich hatte ich vor, das Zauberschach bei Harry Potter als Aufhänger für eine Diskussion entsprechender Thesen von Aaron Nimzowitsch (“Mein System”) bis Jonathan Rowson (“Die sieben Todsünden im Schach”) zu benutzen. Aber der Artikel ist schon lang genug und daher belasse ich es bei diesen Andeutungen.

Neben Harry Potter ist auch das Buch “Lang lebe die Königin!” von Esmé Lammers (siehe hier und hier) eine dankbare Vorlage für literarische Anknüpfungspunkte. Die Hauptperson der der Geschichte ist die achtjährige Sara De Waal, die mittels eines Schachspiels mit lebensechten Schachfiguren und einem Schachbuch ganz wörtlich Bekanntschaft mit der Schachwelt macht. Die Erzählung im Schachbuch lässt nämlich eine “Schachwelt” entstehen, in die Sara eintreten kann und darin zur Freundin und Beraterin der weißen Königin wird. Umgekehrt wird auch die Königin in Form der Schachfigur in der “wirklichen Welt” Saras Freundin und Beraterin. Hier sind die Figuren aber nur für Sara lebendig. Für die Zuschauer sieht es so aus als würde sie Selbstgespräche führen.

In einer Simultanpartie mit dem Schachgroßmeister Bob Hooke, der noch nicht weiß, dass er ihr Vater ist, äußert sich dieser gegenüber Saras “Schachgesprächen” sehr verständnisvoll: “Ich habe früher auch mit meinen Schachfiguren geredet. Aber du musst dabei aufpassen, sonst weiß dein Gegenspieler, was du vorhast. Aber um mich brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich werde nicht hinhören.” (S.151) Hier der holländische “Trailer” (eigentlich der Vorspann der Serienfassung) der Verfilmung des Buches, bei der die Autorin auch Regie führte:



Insgesamt denke ich, dass das Zauberschach bei Harry Potter ein besseres Bild des “Redens mit den Schachfiguren” beim richtigen Schach bietet. Aber “Lang lebe die Königin!” ist natürlich das schönere Schachbuch.

Wer es mit dem Lesen bis hierher geschafft hat, der sollte sich auf keinen Fall den Beitrag “Talk to your pieces” (siehe hier) von Stefan Docx alias Nosferatu (siehe hier) bei chess.com entgehen lassen: “No I am not you start talking aloud to your pieces and treat them like living beings but if you find yourself in a position where you have no idea where to begin, start by asking your pieces and let your pieces ‘tell you what they think’. The basic point is that evaluating well is the key to good moves and this way you can take a fresh look at the position and avoid falling into the familiar thinking patterns I make amove, he makes a move with all its rules memories and painfull impressions.”

Nicht nur der Artikel ist lesenwert, auch die teilweise witzigen Kommentare. So warnt etwa HotFlow: “Problems arise when you start naming your pieces ‘Dave the bishop’ for instance.  Sacrifices become harder decisions to make after that.” Und ptristam merkt an: “(…) it seems to me chess is an internal dialogue from start to finish, the conversations with one’s pieces and one’s opponent’s pieces being the projection of every possibility of a given game’s plot.(…)” Das sind nur Beispiele aus einer äußerst anregenden Diskussion. Stefan Docx beruft sich in seinem Artikel auf Nimzowitsch. Aber Rowson lässt sich ebenso herauslesen. Ich denke dabei auch an das Harry Potter Zauberschach mit seinen eigenwilligen und manchmal leidenschaftlichen Figurenbanden, deren Hinweise je nach Lage der Dinge ebenso hilfreich wie irreführend und lästig sein können. Ein Thema für ein anderes Mal.

Nachtrag

Wem meine Harry Potter Darstellung zu wohlwollend erscheint, dem sei der Artikel “Wie man einem Zentauren begegnet oder Harry Potter und der Stein der Schachweisen” von Jörg Seidel empfohlen (siehe hier und hier). Seidel lässt weder an der Erzählung insgesamt noch an der Schachgeschichte im Besonderen ein gutes Haar: “Es sind so die kleinen verräterischen Details, die den Schachkenner stutzig machen und etwas an den schachlichen Fähigkeiten der Autorin zweifeln lassen, wenngleich sich dieses Halbwissen mittlerweile als allumfassend herausstellte. Da spricht sie von ‘spaces’ statt ‘squares’ und auch der Begriff ‘castle’ für den Turm (eigentlich rook) ist zumindest ungewöhnlich. Man kennt heutzutage lediglich ‘castling’ als rochieren, allerdings war ‘castle’ in England zu früheren Zeiten ein, wenn auch selten noch genutzter, bekannter Begriff. Auch im Detail scheint sich die Analyse zu bestätigen”.

Ganz anders Viktor Kapuskin, Präsident des ukrainischen Schachverbandes und Karpows Kandidat für das Amt des FIDE-Schatzmeisters. Er möchte Joanne K. Rowling, der Harry Potter Autorin, sogar einen Preis verleihen für ihre Verdienste um die Popularisierung des Schachs bei Kindern (siehe hier und hier): “In my opinion, the popularization of chess should be one of the main tasks for the chess community. That is why the Ukrainian Chess Federation suggests implementing a special award that will be an acknowledgment from chess professionals to a non-chess people who contributed to the popularization of the game of chess. Some candidates for the award are well-known; for example, no one can deny that Joanne Rowling with her books contributed a lot to the popularity of chess among children. Some names are probably not well-known, and so the aim of the award is to define such people and to thank them. The award is to be annual and if FIDE agrees to implement such an international award, than the Ukrainian Chess Federation will take all administrative costs and full organization for it.”

Rechtlicher Hinweis

In diesem Artikel verwende ich einige selbst erstellte Screenshots von der DVD des ersten Harry Potter Films “Harry Potter und der Stein der Weisen”. Dabei handelt es sich um urheberrechtlich geschütztes Material. Deshalb ist bei den Bildern “Copyright: Warner Bros.” vermerkt. Ich gehe davon aus, dass diese Verwendung durch das Zitatrecht gedeckt ist.


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Schulfach Schach? – Teil 2: Die Trierer Schulschachstudie (1) http://www.schachfieber.de/2010/07/20/schulfach-schach-teil-2-die-trierer-schulschachstudie-1/ http://www.schachfieber.de/2010/07/20/schulfach-schach-teil-2-die-trierer-schulschachstudie-1/#comments Tue, 20 Jul 2010 20:31:05 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=1569

Die Trierer Schulschachstudie hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Wirkung entfaltet und es bis auf die Website der Bundesregierung geschafft, wo es im September 2007 heißt: “Schachunterricht ist gut für die kognitive Entwicklung von Kindern. Das hat kürzlich eine Langzeitstudie der Universität Trier erwiesen.” Schach sei gut nicht nur für Konzentration, Rechtschreibung und Mathematik, sondern auch die Sozialkompetenz. Womit es quasi amtlich ist: “Schach macht also nicht nur Spaß, sondern ist gut für mehr – und für die ganze Gesellschaft.” (siehe hier) – Problematisch wird es nur, wenn jemand die Studie tatsächlich liest.

Schach an die Schulen

Die Trierer Studie hat nicht nur die Aufmerksamkeit des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble bzw. seiner Schreiber gefunden. Auch Lehrer und Schulleiter wurden hellhörig. Weil das 2003 begonnene Experiment “Schach als Schulfach” an der Grundschule Trier-Olewig durch die Trierer Studie 2007 eine so günstige Bewertung erfahren hat, fühlten und fühlen sich andere Schulen ermutigt, Schach ebenfalls in ihren Unterricht einzubauen. Beispiele sind etwa die Grundschule Genslerstraße in Hamburg-Barmbek (siehe hier) oder die Gutenberg-Grundschule Dortmund Dorstfeld (siehe hier). Angela Möller, die Leiterin der Gutenberg-Grundschule, erklärt: “Ich bin durch eine Studie der Universität Trier darauf aufmerksam geworden und habe daraufhin einen Förderantrag beim Regionalen Bildungsbüro, Fachbereich Schule, gestellt.” (siehe hier)

Die Trierer Studie hat also einiges bewegt. Diese Wirkung dürfte sie aber vor allem dem Umstand zu verdanken haben, dass kaum jemand sie gelesen hat. Denn sonst hätte eigentlich auffallen müssen, dass ihr Aussagewert nur sehr gering ist. Das wenigstens ist meine These, die ich hier belegen möchte. Den Text habe ich in drei Beiträge auftgeteilt. Im ersten Teil, also in diesem Artikel, stelle ich zunächst die Trierer Studie kurz vor. Dann geht es weiter mit der VERA-Studie, die mit der Trierer Untersuchung zwar nichts zu tun hat, in den Darstellungen der Deutschen Schulschachstiftung und der Deutschen Schachjugend aber im Mittelpunkt steht. So ist in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von den Inhalten der Trierer Studie entstanden. Im zweiten Teil werde ich mich mit den tatsächlichen Ergebnissen der Studie beschäftigen, und im dritten Teil den Aufbau der Studie diskutieren.

Um Missverständnisse zu vermeiden. Bei meiner Diskussion der Trierer Studie geht es nicht pro oder contra Schach als Schulfach. Beide Positionen lassen sich mit mit mehr oder weniger guten Gründen vertreten. Nur halte ich eine Berufung auf die Trierer Studie eben nicht für ein gutes Argument.

Die Quellen

Den Anstoß zur Einführung von Schach als Schulfach an der Grundschule Trier-Olewig wie zur wissenschaftlichen Begleitung durch die Universität Trier gab der Ehrenvorsitzende der Deutschen Schulschachstiftung, Kurt Lellinger. Geleitet wurde der Feldversuch von Prof. Sigrun-Heide Filipp (Zentrum für psychologische Diagnostik, Begutachtung und Evaluation – siehe hier). Ausgewertet wurden die Daten von der Diplomandin Anne Krämer und anschließend als Diplomarbeit vorgelegt. (siehe hier) Finanziell unterstützt wurde die Studie von der Deutschen Schulschachstiftung (siehe hier), der Deutschen Schachjugend (siehe hier) und der Nikolaus Koch-Stiftung Trier (siehe hier). Es handelt sich also mehr oder weniger um eine Auftragsarbeit, die unter Leitung von Prof. Filipp durch die Diplomandin Krämer durchgeführt wurde.

Der Abschlussbericht der Studie wurde von Prof. Sigrun-Heide Filipp und Dipl. Psych. Holger Spiess im Februar 2007 unter dem Titel “Fördert Schachunterricht in der Grundschule die geistige Entwicklung der Kinder?” fertiggestellt. Zu finden ist er auf der Website der Deutschen Schulschachstiftung, wo er als pdf heruntergeladen werden kann. (siehe hier) Dieser Bericht ist die maßgebliche Quelle für eine Diskussion der Studie.

Daneben erstellte Kurt Lellinger eine Zusammenfassung unter dem Titel “Schach an der Grundschule Trier-Olewig. Resumee und Auswertung der Ergebnisse durch die Deutsche Schulschachstiftung (Kurzfassung)”. (siehe hier) Dabei stützte er sich auf den eben erwähnten Abschlussbericht der Universität Trier, die Diplom-Arbeit von Anne Krämer “Effekte von Schachunterricht auf ausgewählte Merkmale der kognitiven, motivationalen und sozialen Entwicklung von Grundschülerinnen und Grundschülern” sowie die Auswertung der VERA-Tests 2006 durch die Universität Koblenz-Landau.

Wenn ich mich recht erinnere, dann war es diese Zusammenfassung von Kurt Lellinger, die seit dem Frühjahr 2007 in den Medien zitiert wurde, z. B. in einem Chessbase-Artikel “Studie: Schach verbessert schulische Leistungen und soziale Kompetenz” vom 3. Mai 2007. (siehe hier) Ich bin mir deswegen etwas unsicher, weil die ältere Zusammenfassung bzw. Präsentation inzwischen im Web fast überall durch eine neuere, kürzere Fassung der Deutschen Schachjugend und der Deutschen Schulschachstiftung ersetzt worden ist. (siehe hier und hier) Möglicherweise bringe ich da aber etwas durcheinander und es handelte sich immer schon um diese Präsentation.

Jedenfalls dürfte die neue Fassung nun als gewissermaßen offizielle Präsentation anzusehen sein. Ob die Diplom-Arbeit von Anne Krämer veröffentlicht wurde, weiß ich nicht. Ich habe sie jedenfalls im Web nicht gefunden und kenne sie nicht. Weiter gibt es zur Trierer Schulschachstudie noch ein Zeitungs-Interview von Jörg Schmilewski mit Sigrun-Heide Filipp “Schach für die Schwachen. Das Brettspiel hilft vermeintlich schlechten Schülern” (siehe hier) und ein Radio-Feature von Frank Eckhardt mit Sigrun-Heide Filipp und Kurt Lellinger vom 29. Oktober 2008 “Schwerpunkt: Schach und Schule. Spielend lernen mit Dame und König”. (siehe hier – und hier das Manuskript der Sendung) Die Sendung kann hier im Player angehört werden.

Das Design der Studie

Um die Trierer Schulschachstudie diskutieren zu können, müssen wir uns mit ihrem Aufbau, ihrem Design vertraut machen. Dafür genügt zunächst eine kleine Skizze. Details können bei Bedarf später ergänzt werden. Bei der Darstellung stütze ich mich auf die Angaben im Abschlussbericht “Fördert Schachunterricht in der Grundschule die geistige Entwicklung der Kinder?”.

Der Ausgangspunkt war die Entscheidung der Grundschule Trier-Olewig in allen Klassen (1 bis 4) eine Unterrichtsstunde Mathematik durch eine Stunde Schachunterricht zu ersetzen. Erteilt von den Lehrerinnen der Schule, die dafür von Vertretern der Deutschen Schulschachstiftung geschult worden waren. Damit verband sich die Hoffnung bzw. die Überzeugung, Schach werde sich positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirken. Die Universität Trier sollte dieses Experiment wissenschaftlich begleiten und die Ergebnisse bewerten, evaluieren. Die leitende Annahme bestand darin, dass das Erlernen des Schachspiels zu positiven Effekten sowohl bei Konzentration, Intelligenz, Lesen und Schreiben als auch bei Leistungsmotivation und Sozialkompetenz führen würde.

Um die zu erwartenden positiven Effekte zu messen und nachzuweisen, wurden vier verschiedene Testverfahren eingesetzt: 1) Konzentrationstests, 2) Intelligenztests, 3) Leistungstests (Lesen, Rechnen) und 4) Integrationstests (soziale und emotionale Integration, Leistungsmotivation). Diese wurden zwischen 2003 und 2006 innerhalb von drei Jahren fünfmal (Oktober 2003, Februar und Juni 2004, Juli 2005 und Juli 2006) mit den Kindern gemacht. Um die Ergebnisse vergleichen zu können, wurden die Erhebungen nicht nur an der Grundschule Trier-Olewig (Experimentalschule mit Schachunterricht), sondern parallel auch an der Grundschule Trier-Egbert (Kontrollschule ohne Schachunterricht) von studentischen Mitarbeitern der Universität Trier durchgeführt.

Die Eltern und und das Lehrpersonal beider Schulen wurden von der Uni Trier über die Studie und deren Forschungsinteresse in Kenntnis gesetzt. Einbezogen wurden in die Untersuchung nur Schülerinnen und Schüler, deren Eltern sich damit einverstanden erklärt hatten. Dies waren in der Grundschule Trier-Olewig insgesamt 84 Schüler, die sich mehr oder weniger gleichmäßig auf die vier Klassen verteilten (erste Klasse: 19 Schüler, zweite: 23, dritte: 18 und vierte: 24). Entsprechend wurde die Untersuchung mit vier Gruppen durchgeführt: Die Teilnehmer der Klassen 1 und 2 durchliefen die vollen drei Jahre, während die der Klasse 3 nach zwei und die der Klasse 4 nach einem Jahr ausschieden.

Die Auswertung wurde entsprechend den vier Klassengruppen getrennt vorgenommen werden. Bei den vier verschiedenen Tests ergab dies bei vier Gruppen sechzehn verschiedene Testergebnisse, die gesondert zu evaluieren waren. Zwei Arten von Vergleichen wurden angestellt: Erstens wurden die Ergebnisse der einzelnen Messpunkte, zweitens die Veränderungen zwischen den Messpunkten, also die Entwicklungen verglichen. Aufgrund der Leitannahme positiver Effekte des Schachs sollten sich signifikante Unterschiede zu Gunsten der Experimentalschule Trier-Olewig ergeben.

Eine Komplikation: der VERA-Test 2006

Soweit der Aufbau der Studie. Hinzu kommt aber eine Komplikation, der Vera-Test 2006. Dieser Vergleichstest wurde im September 2006 in allen vierten Klassen durchgeführt, d. h. auch mit der ersten Klasse bzw. Gruppe, die während der Studie bis zum Juli 2006 die Klassenstufen 1 bis 3 durchlief. Der Vera-Test hat mit der Trierer Studie nichts zu tun.

Wie die Autoren in der Endfassung betonen, stützen sich die Ausführungen zu diesem Punkt ausschließlich auf Angaben von Kurt Lellinger. So heißt es in Anmerkung 6 auf Seite 51: “Die nachfolgende Darstellung beruht ausschließlich auf Informationen, die Herr Kurt Lellinger von der Deutschen Schulschachstiftung dem ZDiag zur Verfügung gestellt hat.” (siehe hier) Vermutlich hat Kurt Lellinger die Ergebnisse im Januar 2007 (damals dauerte die Auswertung noch länger als heute) von der Grundschule Trier-Olewig bekommen und dann an die Universität Trier weitergereicht. Alles ganz in Ordnung. Nur sind die Daten für die Studie wertlos. Womit ich beim ersten Punkt der Diskussion angekommen wäre.

Was VERA ist

Zum Verständnis der VERA-Studien: Sie sind ein Bestandteil der bereits in den 90er Jahren eingeleiteten so genannten empirischen Wende in der deutschen Bildungspolitik. Sie bedeutet einen Wechsel von der alten Input-Orientierung zu einer Output-Orientierung. Damit ist gemeint, dass nicht vorrangig durch Lehrpläne festgelegt wird, welche Inhalte in der Schule vermittelt werden. Vielmehr wird nun vorgegeben, welche Kompetenzen (Fähigkeiten und Fertigkeiten) vermittelt werden sollen. Ob diese Kompetenzen wirklich erworben werden, wird empirisch durch vergleichende Tests geprüft. Anhand der Ergebnisse erhalten die Schulen Rückmeldungen über den Erfolg ihrer Arbeit und Anhaltspunkte für deren Verbesserung. Betriebswirtschaftliche Konzepte wie Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung werden damit auf die Steuerung der Bildung übertragen. Ziel ist die Leistungssteigerung des Bildungssystems und die “Ausrichtung des Unterrichts weg von theoretischer, lebensferner Bildung hin zu einer handlungs- und anwendungsorientierten Kompetenz” der Schüler. (vgl. hier)

Welche Kompetenzen erlangt werden sollen, bestimmen so genannte Bildungsstandards, die 2004/05 bundesweit verbindlich eingeführt wurden. (siehe hier) Geprüft werden die Kompetenzen durch so genannte Lernstandserhebungen, zu denen auch die Vera-Tests (für VERgleichsArbeiten in der Grundschule) gehören. (vgl. hier) Diese wurden seit 2004 zunächst in sieben und seit 2007 dann in allen Bundesländern durchgeführt. In den ersten Jahren war VERA eine Lernstandserhebung in den 4. Grundschulklassen. Getestet werden die Fächer Deutsch und Mathematik. Später wurde statt in der 4. nur noch in der 3. Klasse getestet (VERA 3). Seit 2006/2007 kamen noch Erhebungen verschiedenen Fächern in 6. und 8. Klassen hinzu. Bei den VERA-Arbeiten handelt es sich um Aufgaben, die für alle Klassen gleich sind und am gleichen Tag zu bearbeiten sind. Zum Ablauf zitiere ich Wikipedia:

“Zu einem landesweit zentralen Termin erhalten alle Kinder einer Jahrgangsstufe standardisierte Aufgaben, die in einer vorgegebenen Zeit zu bearbeiten sind. Die jeweiligen Klassen- oder Fachlehrer werten die Aufgabebögen aus und geben die Ergebnisse zusammen mit soziodemographischen Daten zur Klassenzusammensetzung über einen geschützten Internetzugang in anonymisierter Form in den zentralen VERA-Server ein. Unmittelbar danach bzw. nach einiger Zeit lässt sich dann eine Auswertung abrufen, die die Lernniveaus der einzelnen Schüler in vier Kategorien enthält. (Auch hier: je nach Bundesland und Jahrgangsstufe unterschiedlich) Zudem gibt es eine statistische Übersicht, die die Anteile der Schüler in den einzelnen Niveaus im Klassen-, Schul- und Landesvergleich zeigt.” (siehe hier)

Kritik an VERA

Bei den VERA-Tests obliegt die Durchführung allein den Lehrern. Sie kontrollieren alle Schritte, vom Herunterladen der Aufgaben bis zur Eingabe der Ergebnisse. Daher sind alle VERA-Daten manipulierbar, worauf denn Kritiker immer wieder hinweisen. Ich zitiere wieder Wikipedia:

“An der Durchführung kann einer der großen Kritikpunkte an VERA festgemacht werden. Da die Aufgaben den durchführenden Klassen- bzw. Fachlehrkräften oft schon in der Vorwoche bekannt waren und sowohl die Durchführung als auch die Auswertung und die Eingabe der Ergebnisse in den Händen derselben Lehrkräfte lagen, die notwendig von einem subjektiven Eigeninteresse geleitet waren, erfüllen die von VERA ermittelten Ergebnisse weder das wissenschaftliche Gütekriterium der Objektivität noch das der Reliabilität und müssen aus wissenschaftlicher Sicht als wertlos gelten.” (siehe hier)

Der Grundschulverband (siehe hier) verweist auf den Erfolgsdruck, den VERA auf die Lehrer ausübt, was zu Schummeln führt: “vom Üben und Probedurchführen über konkrete Hilfen beim Lösen der Aufgaben bis zur Ergebniseingabe”. (siehe hier) Im Artikel “Schummeln bei Vera” hat Andrea Brandt im Juli 2006 einige Beispiele für Manipulationen gesammelt: “Inzwischen häufen sich Fälle, die belegen, dass zahlreiche Pädagogen bei den sogenannten Vera-Tests, die nach dem Pisa-Schock an Grundschulen eingeführt wurden, heftig schummeln. Die Vergleichsarbeiten, die einmal pro Jahr Aufschluss über die Mathe- und Deutschkenntnisse von rund 300 000 Grundschülern geben sollen, laden dazu regelrecht ein.” (siehe hier und hier)

Der Druck auf die Lehrer durch VERA ist durchaus real. Das zeigen z. B. die Äußerungen im Januar 2005 der Schulministerin von Schleswig-Holstein zur Auswertung der ersten VERA-Studie: “‘Die Ergebnisse für Schleswig-Holstein sind gut, müssen aber noch besser werden’, sagte Schulministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD). Im Visier hat sie die Schulen, die bei der Studie schlecht abgeschnitten haben. ‘Die Schulämter werden sich um diese Schulen kümmern.’ Dabei nehmen sie auch Lehrer unter die Lupe. Ist ihr Unterricht schlecht, werden sie zur Fortbildung ermuntert. Klar ist, dass einige Mathe-Lehrer Nachhilfe brauchen.” (siehe hier)

VERA-Daten nicht valide

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die VERA-Daten für eine wissenschaftliche Evaluation wertlos sind. Zwar nahmen die Schüler der 4. Klasse der Grundschule Trier-Olewig im September 2006 am Vera-Test in Rheinland/Pfalz (siehe hier) teil, wobei sie Aufgaben in Deutsch und Mathematik erhielten. (Die Aufgaben können übrigens hier eingesehen werden.) Doch wie ihre Ergebnisse zustande kamen und wie sie zu beurteilen sind, lässt sich nicht sagen. Für eine seriöse Untersuchung dürfen sie sowohl aus formalen als auch aus inhaltlichen Gründen nicht verwendet werden.

Das geben auch Sigrun-Heide Filipp und Holger Spiess in ihrem Abschlussbericht zu bedenken. Es sei zu prüfen, “inwieweit die VERA-Daten es erlauben, dass man sie als mögliche Belege für die förderlichen Wirkungen des Schachunterrichts in der Grundschule Olewig heranzieht resp. inwieweit mögliche Einschränkungen der Aussagekraft dieser Befunde angenommen werden müssen.” (siehe hier – S.56) Anschließend führen sie fünf Argumente an, die die Aussagekraft der VERA-Daten einschränken. Die ersten beiden möchte ich zitieren, die weiteren können auf S.57 nachgelesen werden.

“(1) Die Aufgaben in dem VERA-Projekt werden von den entsprechenden Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern selbst vorgegeben und auch selbst ausgewertet. Daher liegt streng genommen keine standardisierte und keine anonymisierte Datenerhebung und -auswertung vor, wie sie in einer Evaluationsstudie realisiert werden müssen.
(2) Es kann nicht ganz ausgeschlossen werden, dass die Lehrerinnen und Lehrer die entsprechenden Testaufgaben vor dem offiziellen Erhebungszeitpunkt aus dem Internet heruntergeladen und mit ihren Schülern ähnliche Übungsaufgaben bearbeitet oder sie entsprechend unterrichtet haben.” (siehe hier -S.56f.)

Der Schluss ist zwingend: Die VERA-Daten sind für die Studie wertlos. Wobei die nachfolgende Formulierung für meinen Geschmack sehr vorsichtig ist. Es wurde möglicherweise Rücksicht darauf genommen, dass es sich bei der Studie um eine Auftragsarbeit handelt. “Als Fazit aus dem Gesagten lässt sich festhalten, dass die Daten aus der VERA-Studie für die im Kontext der Schachevaluation zentrale Fragestellung nur beschränkten Aussagewert besitzen können und dass sie keine gesicherten Schlussfolgerungen ob der möglichen förderlichen Auswirkungen des Schachunterrichts in der Grundschule Olewig erlauben.” (siehe hier – S.58)

VERA-Daten ganz wichtig

Im Gegensatz zur Trierer Schulschachstudie werden die VERA-Daten in den Zusammenfassungen bzw. Präsentationen der Deutschen Schulschachstiftung und der Deutschen Schachjugend allerdings nicht in Frage gestellt, sondern als das wichtigste Ergebnis der Studie vorgestellt. Unter den Überschriften “Mathe doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt”, “Mathe doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt”, “Leseverständnis zweieinhalb mal so gut wie der Landesdurchschnitt” und “Sprachverständnis dreimal besser als der Landesdurchschnitt” wird der Nutzen von Schach als Unterrichtsfach als Mittel zur Verbesserung der Schulleistungen angepriesen. (siehe hier S.11-14 und siehe hier Folien 12-16) Wie ist das möglich?

Bevor ich eine Antwort darauf suche, möchte ich zunächst erläutern, wie Formulierungen wie “doppelt so gut” zu verstehen sind. Die Aufgaben der VERA-Studie sind so angelegt, dass die Ergebnisse vier Kategorien zugeordnet werden können, drei Fähigkeitsniveaus von 1 bis 3 und nicht auswertbar. Stufe 1 steht für “grundlegende Fähigkeiten, Stufe 2 für “erweiterte Fähigkeiten” und Stufe 3 für “fortgeschrittene Fähigkeiten”. (siehe hier) In der Trierer Studie werden die Fähigkeitsniveaus ab S.52 ausführlich beschrieben. (siehe hier) “Doppelt so gut” bedeutet, dass doppelt so viele Schüler dem Fähigkeitsniveau 3 zugeordnet werden wie in einer Vergleichsgruppe. Wenn es beispielsweise heißt, beim Sprachverständnis war die Experimentalschule dreimal besser als der Landesdurchschnitt, ist damit gemeint, dass in der Experimentalklasse 84 Prozent der Schüler dem Niveau 3 zugeordnet wurden, im Landesdurchschnitt nur 32 Prozent. Die leichte Übertreibung ist unwichtig. Aber wie kann es sein, dass solche problematischen Behauptungen als wichtigstes Ergebnis dargestellt werden?

Bei genauerem Lesen bemerkt man dann, dass Kurt Lellinger in seiner Zusammenfassung die “VERA-Präsentation”, wie ich diese Darstellung ab jetzt bezeichnen werde, zwar der Trierer Schulschachstudie zuschlägt, aber dabei auf S.3 von “phänomenalen Indizien” spricht (Anführungszeichen im Original). In einem schon erwähnten Chessbase-Artikel wird die Formulierung “e) „Phänomenale Indizien“ beim Vera-Test 2006 in der Experimentalschule in Deutsch Leseverständnis und Sprachverständnis sowie in Mathematik: Zahlen, Operationen und Größen und Messen.” der Diplom-Arbeit von Anne Krämer zugerechnet. (siehe hier) Möglicherweise hat aber auch Kurt Lellinger die Diagramme der Präsentation erstellt. Ich weiß es nicht. Soweit ich sehe, finden sich dazu keine Angaben. Jedenfalls handelt es sich bei der Rede von den “phänomenalen Indizien” um einen rhetorischen Trick. Ich möchte nur daran erinnern, dass alle (wissenschaftlich wertlosen) Daten für diese “Indizien” von Kurt Lellinger stammen, worauf die Autoren der Trierer Studie selbst hinweisen.

Bei der Präsentation von Deutscher Schulschachstiftung und Deutscher Schachjugend ist von “Indizien” keine Rede mehr. Hier wird die “VERA-Präsentation” auch nicht mehr der Trierer Schulschachstudie zugerechnet. Statt dessen ist nun auf Folie 4 von “zwei Studien” die Rede. Zum einen gibt es das “Projekt an der Olewiger Grundschule” (Folie 6), zum anderen den “Vera-Test 2006″ (Folie 12). So wird gewissermaßen VERA in die Schachuntersuchung vereinnahmt. Auf Folie 5 heißt es: “Die Grundschule Olewig wollte es wissen: Vor vier Jahre (sic) wurde eine Schulstunde Schach pro Woche eingeführt -> Mit Erfolg, wie die Ergebnisse von zwei Studien zeigen”. (siehe hier) Eine recht kreative Präsentation also. Denn die VERA-Daten können nichts “zeigen”, weil sie nicht valide sind.

Was die Gründe für diese eigenwilligen “VERA-Präsentation” waren, darüber kann ich nur spekulieren. Möglicherweise ist Kurt Lellinger, der den Anstoß zum Schulexperiment wie zur Trierer Studie gab, von den guten Ergebnissen der Schachschüler beim VERA-Test so begeistert, dass er diese unbedingt als Argument für Schach als Unterrichtsfach verwenden möchte. Möglicherweise ist er überzeugt vom Aussagewert der Ergebnisse. Er kennt die Schule, kennt die Lehrer, hält Manipulationen für ausgeschlossen und die weiteren Einwände für unerheblich. Soweit wäre dies für mich nachvollziehbar und verständlich.

Aber all dies genügt nicht den Ansprüchen einer seriösen Untersuchung. Da helfen auch alle durchaus ehrenwerten persönlichen Überzeugungen nichts. Denn niemand kann verlässliche Angaben darüber machen, wie die VERA-Ergebnisse der Olewiger Schüler zustande kamen und wie diese zu deuten sind. Trotzdem wurde und wird die “VERA-Präsentation” mit der Trierer Studie vermischt. Die beiden Darstellungen der Deutschen Schulschachstiftung und Deutscher Schachjugend lassen vermuten, dass sich deren Autoren dieser Problematik wohl bewusst waren. Ein Blick in die Trierer Schulschachstudie hätte genügt. Deren Warnzeichen vor einer solchen Argumentation waren nicht zu übersehen.

Public Relations und große Verwirrung

Unter dem Public-Relations-Gesichtspunkt der Beeinflussung von Entscheidungsträgern und öffentlicher Meinung zu Gunsten von Schach als Schulfach waren die Präsentationen ausgesprochen erfolgreich. Es wurde und wird praktisch kein Unterschied zwischen der Trierer Studie und der “VERA-Präsentation” gemacht. Als Beleg nur zwei Beispiele aus Berichten über Nachfolgeprojekte, bei denen Schach als Schulfach eingeführt wurde:

An der Wilhelm-Neuhaus-Schule in Bad Hersfeld (Hessen) wird Schach seit dem Schuljahr 2008/09 als eigenständiges Schulfach für die ersten Klassen unterrichtet. (siehe hier und hier) In einem Bericht vom April 2009 erklärt der Rektor Karl-Heinrich George: “Auslöser war eine Studie der Universität Trier (…). Laut Studie seien die Schachschüler in Mathe doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt. Und noch mehr nütze Schachspielen erstaunlicherweise dem Leseverständnis.” (siehe hier, hier oder hier) Und auch für den Schachlehrer der Schule, Wilhelm Beier, ist der Sinn und Zweck von Schachunterricht klar: “Tests haben ergeben, dass Schachkinder in Mathematik doppelt so gut abschneiden wie Kinder ohne Schachunterricht.” (siehe hier)

An der Gensler-Schule in Hamburg-Barmbek gibt es Schach seit 2008 als Schulfach für alle Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse. (siehe hier und hier) Zur Begründung heißt es wieder: “Schachunterricht verbessert die Leistungen in allen Fächern. Das beweist eine Studie, die die Universität Trier an der Olewig-Grundschule durchführte. Die wöchentliche Unterrichtsstunde Schach brachte nach vier Jahren ein verblüffendes Resultat: Bei Vergleichstests schnitten die Olewig-Schüler in Mathe und Leseverständnis doppelt so gut ab wie der Landesdurchschnitt in Rheinland-Pfalz, in Sprachverständnis sogar dreimal so gut.” (siehe hier und ähnlich auch hier)

Auf der Website der Schule ist dokumentiert, wie es zur Entscheidung für Schach als Schulfach kam: “Am 3. Dezember 2007 hat die Schulkonferenz einstimmig dem Projekt ‘Schach statt Mathe’ zugestimmt. Der Eltern- und Lehrerschaft wurde die Studie und die Ergebnisse von der Universität Trier vorgestellt. An der Studie war die Olewig-Grundschule in Trier beteiligt. Am Ende der Studie zeigte sich, dass die Schülerschaft der Schule insgesamt ihre mathematischen Leistungen verbessert hat. Diese Studie ist im Internet abrufbar unter http://www.schulschachstiftung.de/schulschachuntersuchung_trier.ppt.” (siehe hier)

Den Link im Zitat habe ich deaktiviert. Er funktioniert nicht mehr. Aber an diesem Beispiel wird deutlich, wie die Zusammenstellung von Deutscher Schulschachstiftung und Deutscher Schachjugend samt “VERA-Präsentation” mit der Trierer Studie identifiziert wird. Denn es wurde gerade nicht die Trierer Studie vorgeführt. So wird die Fragwürdigkeit der VERA-Daten ausgeblendet und statt dessen ein Nimbus wissenschaftlicher Autorität erzeugt.

Aber nicht nur Journalisten, Lehrer und Eltern erliegen dieser Illusion. Auch Schachfunktionäre halten Trierer Studie und “VERA-Präsentation” nicht mehr auseinander. Ein Beispiel:

Im ersten Teil dieses Artikel hatte ich schon auf ein Interview im Juli 2008 der gegenwärtigen Referentin für Schulschach der Deutschen Schachjugend, Kirstin Siebarth, hingewiesen. (“Aus der Schule geplaudert – Schach als Unterrichtsfach” – siehe hier) Dort führte sie zunächst das “Doppelt-und-Dreifach-Argument” an, wie ich es nennen möchte. Auf die Frage, ob denn nachgewiesen sei, dass das Schach der Grund für die guten Ergebnisse der Schachschüler sei, bejahte sie dies entschieden und berief sich dabei auf Psychologen der Universität Koblenz (wobei Siebarth wahrscheinlich “Universität Trier” meint, denn “Universität Koblenz-Landau”, wo die Ergebnisse der VERA-Tests ausgewertet werden, ergibt in diesem Zusammenhang keinen Sinn). Die entsprechende Passage findet sich im Interview etwa von Minute 1:15 bis Minute 4:00 und kann hier im Player angehört werden.

Zwischenergebnis

Ich fasse zusammen: Für das aus den VERA-Daten abgeleitete und in der “VERA-Präsentation” dargestellte “Doppelt-und-Dreifach-Argument” fällt das Urteil ernüchternd aus. Trotz seiner bisherigen praktischen Wirksamkeit handelt es sich um ein sehr schwaches Argument, weil es sich auf invalide Daten stützt. Allein die Trierer Studie bietet ausreichend Hinweise, um dem Argument die Grundlage zu entziehen.

Fortsetzung folgt

Schulfach Schach?
Teil 1: Die Begründungsfalle
Teil 2: Die Trierer Schulschachstudie (1)
Teil 3: Die Trierer Schulschachstudie (2)
Teil 4: Die Trierer Schulschachstudie (3)
Teil 5: Der Mythos der formalen Bildung

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http://www.schachfieber.de/2010/07/20/schulfach-schach-teil-2-die-trierer-schulschachstudie-1/feed/ 0
Schulfach Schach? – Teil 1: Die Begründungsfalle http://www.schachfieber.de/2010/07/16/schulfach-schach-teil-1-die-begruendungsfalle/ http://www.schachfieber.de/2010/07/16/schulfach-schach-teil-1-die-begruendungsfalle/#comments Fri, 16 Jul 2010 10:53:03 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=1057

Schulschach als freiwillige Arbeitsgemeinschaft war gestern. Heute soll Schach verbindliches Schulfach werden. Dafür setzen sich mit großem Engagement sowohl Verbände wie der Deutsche Schachbund und die Deutsche Schachjugend als auch Stiftungen wie u. a. die Deutsche Schulschachstiftung sowie private Schachschulen ein. Schach als Pflichtfach für alle Schüler benötigt zu seiner Durchsetzung aber nicht nur Geld und Engagement, sondern vor allem eine bildungspolitische Begründung, die Politiker, Lehrer, Eltern, Schüler und die Öffentlichkeit zu überzeugen vermag. Und genau hier wird die Sache leider problematisch.

Faszination Schulschach

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Geschichte des Schulschachs in Deutschland ist beeindruckend (siehe hier). Was in diesem Bereich z. B.  Christian Zickelbein (siehe hier, hier und hier), Kurt Lellinger (siehe hier) oder Björn Lengwenus (siehe hier, hier sowie hier und hier) erreicht haben, ist bewundernswert. Kurz, Schach in der Schule ist eine tolle Sache und sollte als freiwilliges Angebot gefördert werden. Einer flächendeckenden Einführung von Schach als Pflichtfach “von oben” stehe ich allerdings eher skeptisch gegenüber. Wenn sich aber an einzelnen Schulen “von unten” Lehrer, Eltern und Schüler darauf verständigen, spricht nichts gegen solche Versuche und deren Förderung. Allein schon wegen des damit einhergehenden Engagements der Beteiligten können sich solche Projekte gut entwickeln. (siehe hier sowie hier und hier – Tipp: Um kostenpflichtige Artikel lesen zu können, genügt es manchmal, diese über Google aufzurufen)

Es geht mir allein um einige logische und sachliche Schwächen in der Argumentation für Schach als Schulfach: Erstens tappt man meines Erachtens in eine Begründungsfalle, wenn man Schach in Schulen als ein Mittel zum Zweck der Leistungssteigerung (z. B. bessere Noten in anderen Fächern) rechtfertigt. Zweitens liefert eine solche funktionale Begründung Schach beliebigen Zwecken aus, je nach dem Wertesystem, an das man sich dabei anlehnt. Drittens werden von schachlicher Seite zumeist unkritisch und selektiv nur Studien diskutiert, welche die Nützlichkeit des Schachs an der Schule bestätigen. Hier ist ein Blick über den Tellerrand angeraten, wenn der Werbeslogan “Schach macht klug!” nicht mittelfristig zum Boomerang werden soll.

Im Folgenden werde ich versuchen diese Thesen zu erläutern. Eigentlich wollte ich mich dabei kurz fassen. Aber dann ist es doch ziemlich umfangreich geworden, weshalb ich den Text dreigeteilt habe. Das viele Zitieren ist vielleicht nicht schön, dokumentiert aber immerhin wie die Diskussion bislang geführt wurde. Ich beginne im ersten Teil damit, wie man in die Begründungsfalle gerät.

Die Begründungsfalle

Wenige Tage vor seiner Wahl zum Präsidenten des Deutschen Schachbundes sagte Robert von Weizsäcker im Mai 2007 zum Thema Schulschach: “Stundenlanges Fernsehen, ewiges Surfen im Internet oder relativ stumpfsinnige
Computerspiele schöpfen auf die Dauer weder das spielerische Potential noch den natürlichen Spaß an schöpferischen Aktivitäten der Jugendlichen aus. Hier bietet Schach eine hervorragende Alternative, die nicht nur Freude bereitet und die Jugendlichen objektiv fördert, sondern auch von einer recht breiten gesellschaftlichen Akzeptanz getragen ist. Als Bildungsökonom betrachte ich Schach überdies als eine spielerische Antwort auf PISA.”
(siehe hier und hier)

Im Juli 2007 gefragt, ob er Schach als eine Antwort auf PISA sehe, ergänzte von Weizsäcker: “Diese Studie hat sicher auch bei uns einiges ins Rollen gebracht. Was Deutschland angeht, so wird sie jedoch meiner Meinung nach überbewertet. Die Dinge werden zu negativ gesehen, was ein Stichprobenproblem ist. Die Pisa-Studie wurde relativ schnell durchgeführt und ist nicht ganz repräsentativ. Insofern sind die Wolken nicht ganz so grau, wie es die Studie vorgibt. Was unseren Sport angeht, gab es eine Untersuchung in Trier, die belegt, dass Schach spielende Grundschüler generell besser abschneiden als andere. Das ist eine tolle Sache, die man aber ebenfalls nicht überschätzen sollte. Die Stichprobe in Trier war außerordentlich klein. Man muss das an anderen Schulen wiederholen, ich glaube, das soll in Hamburg geschehen. Aber die Untersuchungen deuten darauf hin, dass Schach unabhängig vom reinen Spaßfaktor bei Kindern und Jugendlichen einen hohen Wert über das rein Kognitive hinaus hat.” (siehe hier) Das Interview erschien unter dem Titel “Schach dem PISA-Schock!”

Wie man sieht, formuliert von Weizsäcker sehr moderat. Weder dramatisiert er die PISA-Studie, noch erhöht er Schach zum Heilmittel. Die so genannte Trierer Schulschachstudie interpretiert er vorsichtig.

In der Berichterstattung ist der Ton dagegen zumeist viel entschiedener. So schreibt Focus im Juni 2007 unter der Überschrift “Grundschüler. Schach dem PISA-Schock”: “Schach als Schulfach hebt die Leistungen von Grundschülern. Das ergab eine vierjährige Langzeitstudie der Universität Trier. Danach verbessert bereits eine Stunde Schach pro Woche die Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit der Schüler und steigert ihre Motivation. Davon profitierten nicht nur die Leistungen in Mathematik, sondern auch in Deutsch. Schach erweise sich somit als ‘spielerische Antwort auf Pisa, freut sich der Präsident des Deutschen Schachbunds, Robert von Weizsäcker.” (siehe hier)

Andere Schachfunktionäre wie Kurt Lellinger (zur Person siehe hier), der ehemalige Schulschachreferent der Deutschen Schachjugend und Gründer und Ehrenvorsitzender der Deutschen Schulschachstiftung, haben weniger Zweifel an den segensreichen schulischen Wirkungen des Schachs. Im November 2006 berichtet Focus unter dem Titel “Denksport. Schachmatt dem PISA-Schock”: “Seit den schlechten Ergebnissen beim Pisa-Test stellen sich viele Pädagogen an Deutschlands Schulen die Frage: Wie kann ich die Leistungen der Kinder verbessern? Der Ehrenvorsitzende der Deutschen Schulschachstiftung, Kurt Lellinger, schlägt hierzu das Schachspiel in den Schulklassen vor.(…) Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das Schachspiel Logik, Intelligenz, räumliche Wahrnehmung, Konzentrationsfähigkeit sowie auch die Rechtschreibung verbessert.” (siehe hier)

Die PISA-Studie wird dramatisiert und Schulschach als Heilmittel empfohlen. Als Vorsitzender der Deutschen Schulschachstiftung schreibt Lellinger: “Die Förderung des Schulschachs gewinnt höchsten Rangwert in der gegenwärtigen Diskussion nach der weltweit vorliegenden OECD-Studie ‘Pisa’. Durch Schulschach lassen sich Haltungen in unserer Schuljugend erreichen und stabilisieren, und das ist noch wichtiger als alle noch so gut gemeinten organisatorischen und materiellen Umplanungen in der Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland.” (siehe hier und hier)

Entsprechend wird auch die Trierer Schulschachstudie als bildungspolitische Handlungsaufforderung gedeutet. In seiner Zusammenfassung der Studie schließt Lellinger: “Ein eindeutiges Ergebnis: (…) Bestätigung dafür dass die Einführung einer regulären Schulstunde Schach sinnvoll ist. Schach hat sich im Rahmen des Qualitätsverbesserungsprogramms zur Überwindung des PISA Schocks für Grundschulen bewährt.” (siehe hier)

Auch die derzeitige Schulschachreferentin der Deutschen Schachjugend, Kirstin Siebarth (zur Person siehe hier und hier), interpretiert die Trierer Schulschachstudie rigoros. In einem Radio-Interview mit der GEW Thüringen im Juli 2008 (“Aus der Schule geplaudert – Schach als Unterrichtsfach” – siehe hier) berichtet Siebarth u. a. vom Schachunterricht an der Grundschule in Trier-Olewig. Auf die Frage nach den Ergebnissen antwortet sie, dass nach vier Jahren Schachunterricht die Schachkinder bei der VERA-Studie in Deutsch ein zweieinhalb bis dreieinhalb mal so gutes und in Mathematik ein doppelt so gutes Ergebnis wie der Landesdurchschnitt erzielt hätten. Auf die Nachfrage des Moderators, ob die Studien ergeben hätten, dass dies eindeutig auf das Schachspiel zurückzuführen sei, erwidert Siebarth: Ja, dies sei durch mehrere Psychologen in allen Bereichen nachgewiesen. Woraus der Moderator richtig schließt, dass sich mit Schach als Unterrichtsfach Thüringen und Deutschland zu PISA-Siegerländern entwickeln müssten.

Die entsprechende Passage findet sich im Interview etwa von Minute 1:15 bis Minute 4:00 und kann hier im Player angehört werden. Siebarth unterlaufen im Interview einige Ungenauigkeiten wie etwa die Verwechslung von PISA-Studie und VERA-Studie. Mir geht es hier aber einzig um die Begründung von Schach als Unterrichtsfach durch bessere Leistungen in anderen Fächern. Was der Moderator genau richtig versteht, wie seine Bemerkung zum künftigen “PISA-Siegerland” zeigt.

Die Begründung von Schach als Schulfach durch bessere Leistungen in anderen Fächern oder als Antwort auf PISA, wie sie in der Formel “Schach macht schlau!” auf den Punkt gebracht wird, hat einen großen Nachteil. Denn unabhängig vom inhaltlichen Gehalt der Trierer Schulschachstudie oder anderer Untersuchungen stützt sich diese Begründung allein auf nichtschachliche Argumente. Der Eigensinn von Schach tritt dabei völlig zurück. So verstanden ist Schach als Unterrichtsfach nur Mittel zum Zweck. Die Kehrseite: Falls dieser Zweck, nämlich eine Leistungssteigerung in anderen Bereichen, sich nicht einstellen sollte, entfällt auch alle Legitimation.

In einem Bericht der Deutschen Schulschachstiftung über einen Workshop zur Trierer Studie heißt es im Juni 2009: “Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die Trierer Studie? Beim Kontakt mit der Schule hat man einen wissenschaftlichen Türöffner. Durch vielfältige Erwähnung in der Presse gehört die Trierer Studie in das Bewusstsein der Allgemeinheit. (…) Die Trierer Studie soll bei Elternabenden vorgestellt werden. In der Lehrerbildung spart sie Überzeugungsarbeit. Diese ist ein Grund für immer mehr Schachschulen. Ist eine Argumentationshilfe für Schach in der Schule.” (siehe hier) Einerseits wird die Trierer Studie für Public Relations instrumentalisiert. Andererseits tappt man so in die Begründungsfalle.

Schach strebt erst an die Schulen. Aber auch manches etablierte Fach steht unter Rechtfertigungsdruck. Nicht Mathematik, Deutsch oder Englisch. In diesen Fächern werden kulturelle Grundtechniken vermittelt und niemand stellt sie in Frage. Anders so genannte Nebenfächer wie Latein, Kunst oder Musik. Je weniger Schule unter dem Bildungsaspekt und je mehr Schule unter dem Ausbildungsaspekt gesehen wird, desto mehr müssen diese Fächer einen Nachweis ihrer Nützlichkeit liefen. So ist es nicht überraschend, dass die Verfechter dieser Fächer schon lange vor Schach Begründungsstrategien wie “Latein macht schlau!” oder “Musik macht schlau!” entwickelt haben und durch wissenschaftliche Studien zu belegen suchten (dazu mehr im dritten Teil).

Wie Rechtfertigungen durch fachfremde Zwecke notwendig in die Begründungsfalle führen, hat Ulrich Greiner in einem Vortrag auf dem Deutschen Altphilologentag 2000 in Marburg dargelegt. Nachdem er einige Argumente für die Nützlichkeit von Alt-Griechisch als Unterrichtsfach vorgestellt hat, geht er daran, den Versuch einer solchen Rechtfertigung selbst in Frage zu stellen:

“Ich unterbreche hier die Erörterung der Rechtfertigungsargumente, weil, wie ich hoffe, klar geworden ist, worum es mir geht: Der Legitimationsdruck fördert eine Verteidigungsstrategie, die sich die Bedingungen vom Gegner vorgeben lässt. Die Gegner sind die Technokraten, die Modernisten, die Effizienzfanatiker. Sie sitzen in den Arbeitsämtern und in den Handelskammern, in den Schulbehörden und auch in den Elternräten. In ihren Augen zählt allein das Nützlichkeitsargument, die Vorbereitung auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes. Hier lauert die Begründungsfalle, in die man gerät, wenn man sich auf die Nützlichkeitsebene einlässt, wenn man versucht, die Sprache derer zu sprechen, die allein an Effizienzkriterien interessiert sind und sonst an nichts.” (Ulrich Greiner: Die Begründungsfalle, Vortrag 29. April 2000 – siehe hier oder hier oder hier)

“Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will – das ist die Logik, die der Markt der Nützlichkeiten zu erzwingen scheint. In dieser Situation geraten alle scheinbar nicht nützlichen Fächer in die Defensive. Ein Berliner Professor hat kürzlich herausgefunden – es stand nebenbei bemerkt in der ZEIT (siehe hier, d. Verf.) – , dass regelmäßige musikalische Praxis nicht allein die soziale Kompetenz verstärkt, sondern auch die Intelligenz fördert. Ich habe keinen Anlass, dieses willkommene Forschungsergebnis zu bezweifeln. Ich sehe nur, dass hier eine Begründungsmechanik bedient wird, die einem früher komisch erschienen wäre und die, wie ich behaupte, objektiv absurd ist.” (Ulrich Greiner: Die Begründungsfalle, Vortrag 29. April 2000 – siehe hier oder hier oder hier)

Im Falle des Schachs handelt es sich weniger um eine Verteidigungsstrategie als vielmehr um eine Angriffsstrategie. Ein Platz im Fächerkanon soll erobert werden. Die “Begründungsmechanik” ist aber dieselbe. Dass Schach dabei ein Mittel zum Zweck wird, bemerkt auch Kurt Lellinger. In einem Interview im Oktober 2008 sagt er:  “Überspitzt könnte man sagen, dass ich das Schach in den Schulen missbrauche, um den Kinder das richtige Denken beizubringen. Es ist nicht Ziel einer Schule, Großmeister zu züchten. Es macht mir einen Heidenspaß, wenn ich sehe, dass die Kinder durch das Schach bessere Leistungen in den anderen Schulfächern erzielen.“ (siehe hier und hier) Das mag halb im Scherz gesagt sein, trifft aber den Punkt.

Trotzdem ist Schach ein Spiel, das seinen Sinn in sich selbst trägt. (siehe hier und hier) Wer damit beginnt Schach als Mittel zu einem Zweck zu rechtfertigen, tappt in die Begründungsfalle. Dies geschrieben gebe ich zu, dass es vielleicht schwierig ist, Eigensinn und Fremdzweck scharf zu trennen. Es dürfte vor allem darum gehen, die Differenz nicht aus den Augen zu verlieren. Im Artikel “Schachzug gegen zappelige Kinder” aus dem Juni 2007 schafft Björn Lengwenus es schon eher die Balance zu halten. In Hinblick auf die positiven Effekte von Schach als Schulfach heißt es dort: “Als Heilsbringer gegen schlechte deutsche Bildungsdaten will Hauptschullehrer Lengwenus Schach aber nicht verstanden wissen: ‘Es gibt viele Dinge, die Schule weiterbringen könnten, und Schach ist ein Baustein. Es darf aber kein Zwang sein. Die Definition von Spielen basiert auf Freiwilligkeit.’ Aber er könne die Ergebnisse aus seinem Alltag bestätigen: ‘Was mich immer wieder verblüfft: Wenn die Schüler Schach spielen, hat man auf einmal die Ruhe, die man sich bei Deutsch und Mathe immer wünscht.’” (siehe hier)

Und im März 2010 zitiert der Artikel “Zug um Zug ein bisschen schlauer” Björn Lengwenus, den Hamburger Referenten für Schulschach, wie folgt: “Er arbeitet gerade einen Lehrplan für Schach aus. Den gibt es noch nicht. ‘Schach befähigt Kinder auf spielerische Weise, ohne dass sie es merken, zielorientiert zu arbeiten, sodass sie in weniger Zeit mehr lernen können. In einer Schachpartie müssen sie Zug für Zug komplexe Stellungsprobleme lösen und ständig Entscheidungen treffen. Das schult’, sagt Lengwenus. Diese Qualität hätten zwar auch andere strategische Spiele, ‘aber versuchen Sie mal eine Schulstunde Backgammonunterricht statt Mathematik bei Eltern, Lehrern und Behörden durchzusetzen. Da hat man es mit Schach schon leichter, Vorbehalte auszuräumen.’ Die meisten Spiele, meint Lengwenus, seien grundsätzlich geeignet, um Sachverhalte zu vermitteln, die Kinder sich im normalen Unterricht eher mühsam aneignen. ‘Beim Spielen ist jedes Kind motiviert’, sagt Lengwenus. Intrinsische Motivation nennen das die Pädagogen.” (siehe hier)

Nebenbei macht Lengwenus hier deutlich, dass sich der Werbeslogan “Schach macht klug!” stark auf Klischees über Schach als intellektuelles Spiel stützt. “Breite gesellschaftliche Akzeptanz” nannte von Weizsäcker dies oben. Wie auch immer: Man sollte meines Erachtens nicht vergessen, dass Schach trotz aller möglicherweise hinzutretenden äußeren Motive vor allem um seiner selbst willen betrieben wird. Schach spielt man des Vergnügens wegen Schach zu spielen. Niemand hat dies schöner formuliert als Siegbert Tarrasch. In einer seiner bekanntesten Textstellen spricht Tarrasch denn auch nicht davon, dass Schach schlauer, klüger, intelligenter oder gar sozial kompetenter macht, sondern vom Genuss des geistigen Produzierens beim Spielen. Ähnlich klang übrigens auch Robert von Weizsäcker in seinem ersten Zitat oben, bevor er PISA ins Spiel brachte und die Begründungsfalle zuschnappte.

“Der eigentliche, feinste Reiz des Schachspiels liegt darin, dass man dabei geistig produktiv tätig ist. Und das geistige Produzieren gehört zu den größten Genüssen des menschlichen Lebens, wenn es nicht der größte ist. Nun kann nicht jeder ein Drama schreiben oder eine Brücke bauen, ja es kann nicht einmal jeder einen guten Witz machen. Aber im Schachspiel, da kann, da muss jeder geistig produzieren und dieses erlesenen Genusses teilhaftig werden. Ich habe ein leises Gefühl des Bedauerns für jeden, der das Schachspiel nicht kennt, ungefähr so, wie ich jeden bedauere, der die Liebe nicht kennengelernt hat. Das Schach hat wie die Liebe, wie die Musik die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen.” (Siegbert Tarrasch: Das Schachspiel, 1931 – siehe hier)

Beliebigkeit der Zwecke

Zum Schluss möchte ich nur noch auf eine mögliche Folge von Mittel-Zweck-Rechtfertigungen hinweisen. Von der Logik der Argumentation her kommt es auf Inhalte dabei nicht an. Wichtig ist allein, dass der Zweck für das angesprochene Publikum hinreichend plausibel ist. Ist diese Bedingung nicht gegeben, laufen funktionale Begründungen ins Leere.  Ist diese Bedingung gegeben, wird in diesem Fall aus dem zweckfreien Schachspiel ein schulisches Mittel zum Zweck der Leistungssteigerung.  Für die Logik der Argumentation ist der Zweck austauschbar und beliebig. Wie die Geschichte gezeigt hat, lässt sich auf diese Weise das Schach den verschiedensten Ideologien oder Weltanschauungen sowohl andienen als auch von diesen instrumentalisieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Fortsetzung folgt

Schulfach Schach?
Teil 1: Die Begründungsfalle
Teil 2: Die Trierer Schulschachstudie (1)
Teil 3: Die Trierer Schulschachstudie (2)
Teil 4: Die Trierer Schulschachstudie (3)
Teil 5: Der Mythos der formalen Bildung

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Kampf der Könige: Aufklärung über “Opposition” http://www.schachfieber.de/2009/12/31/kampf-der-koenige-aufklaerung-ueber-opposition/ http://www.schachfieber.de/2009/12/31/kampf-der-koenige-aufklaerung-ueber-opposition/#comments Thu, 31 Dec 2009 16:25:30 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=960

Dieser Artikel ist eine Ausnahme. Normalerweise erwähne ich neues Trainingsmaterial (siehe Navigation oben) nicht in einem Blogeintrag. Aber “Opposition” ist ein so oft missverstandenes Konzept, dass ich den Anfang der Lektion “Aufklärung über Opposition” (Download des pdf-Dokumentes hier) auch blogge. Es geht um die einfachen, aber selten erklärten Grundlagen. Zuerst gibt es eine kurze Einführung zu Herkunft und Formen der Opposition. Dann werden offensive und defensive Funktion der Opposition dargestellt, der Mechanismus der Umgehung erläutert, sowie die Konzepte Hauptlinie und Nebenlinien, Dreiliniensystem und Zweiliniensystem vorgestellt. Wer mehr wissen möchte, kann dann ja immer noch in der oben genannten Lektion weiterlesen.

Warum Opposition?

Unter „Opposition“ verstehe ich ein Zugzwangverhältnis zwischen den Königen. Dieses ergibt sich unmittelbar aus den Schachregeln.

Könige können als einzige Figuren kein Schach bieten, da sie sich damit selbst ins Schach stellen würden. Könige halten sich also gegenseitig auf Distanz. Oder anders ausgedrückt: Die drei Felder zwischen zwei sich gegenüber stehenden Königen sind für beide verboten (im Diagramm rechts durch Kreuze markiert). In dieser Lage hebt nun jeder Königszug das Verbot für mindestens eines dieser drei Felder für den anderen König auf. Wer am Zuge ist, muss sozusagen das Feld räumen. Er „verliert die Opposition“.

Das ist leicht zu verstehen und zudem sehr anschaulich. Jeder Anfänger lernt bald, das Bild zweier sich gegenüber stehender Könige als Opposition zu deuten. Doch gerade dieses Offensichtliche an der Opposition hat seine Tücken. So warnte Nimzowitsch in „Mein System“ davor, die „innere Sachlage nach rein äußerlichen Merkmalen“ zu beurteilen und behauptete: „Die Lehre von der Opposition ist in ihrer Unklarheit als reinste Verdunkelungslehre anzusprechen.“ (Nimzowitsch: Mein System, Hamburg 1965, S.102)

Ganz so schlimm verhält es sich aber nicht. Und Nimzowitschs Gegenvorschlag eines dreistufigen Manövers mit Frontalangriff, Ausweichzug und Umgehung lässt sich sehr gut mit dem Konzept der Opposition verbinden.

Nun geht es aber los. Frei nach Woody Allen: Was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.

Formen der Opposition (nah, fern, virtuell)

Allgemein wird jede Gegenüberstellung der Könige mit einer ungeraden Zahl von Feldern zwischen ihnen auf einer Linie, Reihe oder Diagonale “Opposition” genannt.

Bei der Nahopposition (siehe Diagramm links) liegt ein Feld zwischen den Königen. Echt mit den drei verbotenen Feldern zwischen den Königen sind aber nur die vertikale (Kb2-Kb4) und die horizontale (Kb2-Kd2) Opposition. Die diagonale (Kb2-Kd4) Opposition ist unecht mit nur einem verbotenen Feld zwischen den Königen. Schwarz kann sich immerhin aussuchen, ob er Weiß in der Folge die vertikale (1.-Kc4 2.Kc2) oder horizontale (1.-Kd3 2.Kb3) Opposition überlässt

Analog verhält es sich bei der Fernopposition (siehe kleines Diagramm rechts oben) mit drei oder fünf Feldern zwischen den Königen.

Bei der virtuellen Opposition (siehe kleines Diagramm rechts unten) kommt es darauf an, dass alle vier Eckfelder des gedachten Rechtecks um die beiden Könige von gleicher Farbe sind (z. B. Kb2-Kf4, Rechteck: b2-f2-f4-b4). Wie die diagonale Opposition ist auch die virtuelle Opposition nur eine Vorstufe zur vertikalen oder horizontalen Opposition.

Alle möglichen Formen der Opposition mit einem weißen König auf b2 zeigt das Diagramm unten. Der eine weiße König könnte darin seine Position mit jedem der fünfzehn schwarzen Könige tauschen, ohne dass sich am System etwas ändert.

Damit gibt es insgesamt nur vier solcher Oppositions-Systeme von jeweils 16 Feldern, zwei auf den weißen Feldern (a2, b1) und zwei auf den schwarzen Feldern (a1, b2).

Dies ist bislang allerdings nur ein rein beschreibende Definition der Opposition. Mit „vertikal“, „horizontal“ und „diagonal“ sowie „nah“, „fern“ und „virtuell“ haben wir nun einige hilfreiche Benennungen für die verschiedenen Fälle.

Was sich mit der Opposition so alles anstellen lässt, sehen wir nun.

Offensive und defensive Opposition (“Grundreihenspiel”)

Bei zwei bloßen Königen auf sonst leerem Brett ist der Besitz der Opposition vollkommen sinnlos. Nach den Regeln ist die Partie ohnehin remis. Eine Bedeutung erhält die Opposition erst durch den Bezug auf ein bestimmtes Spielziel.

Solches können wir aber leicht vorgeben. Spielen wir das Spiel: Wer zuerst die Grundreihe des anderen betritt gewinnt.

Weiß am Zug nimmt mit 1.Ke4 die Opposition ein und gewinnt das Spiel durch eine Umgehung, z. B. 1…Kd6 2.Kf5 Ke7 3.Kg6 (oder 3.Ke5 Kd7 4.Kf6 usw.) 3…Kf8 4.Kh7 usw.

Wir sehen hier die offensive Funktion der Opposition: Der verteidigende König muss eines der verbotenen Felder freigeben und der angreifende König kann auf der anderen Seite vorgehen.

Auf der folgenden Reihe kann der angreifende König dann entweder durch eine weitere Umgehung weiter vordringen oder erneut die Opposition einnehmen. In jedem Fall wird deutlich, dass es für den verteidigenden König unmöglich ist, den angreifenden König in seinem Vormarsch aufzuhalten.

Wieder nimmt Weiß am Zug mit 1.Ke2 die Opposition ein, hier zunächst die Fernopposition, die nach 1…Ke5 2.Ke3 in die Nahopposition übergeht. Im Falle von 2…Kd5 wäre die Umgehung 3.Kf4 allerdings ein Fehler, da der schwarze König nach 3…Kd4 schneller die weiße Grundreihe erreicht als der weiße König die schwarze.

Weiß kann das Spiel hier also nicht gewinnen, immerhin durch 3.Kd3 Ke5 4.Ke3 usw. aber unentschieden halten.

Hier sehen wir die defensive Funktion der Opposition: Der weiße König behält die drei verbotenen Felder unter Kontrolle und verhindert so ein weiteres Vorgehen des schwarzen Königs.

In der Defensive braucht der weiße König nur die Opposition zu behaupten. In der Offensive nutzt der weiße König die Opposition zu einer Umgehung. Dabei gibt er zwar die Opposition vorübergehend auf, kommt dabei allerdings seinem Spielziel näher. Da dieses auf der Vertikalen liegt, spielt die Horizontale keine Rolle.

Zielfeld und Umgehung (“Zielfeldspiel”)

Sehen wir uns etwas genauer an wie die Umgehung funktioniert. Dazu definieren wir ein neues Spiel: Weiß gewinnt, wenn es ihm gelingt, das Zielfeld e8 zu erobern, d. h. es zu kontrollieren. Dies ist erreicht, wenn der weiße König darauf zugreifen kann, d. h. auf Schlagweite herankommt indem er eines der benachbarten Felder d8, d7, e7, f7 oder f8 betritt.

Wäre in der Diagrammstellung Schwarz am Zug, könnte der schwarze König mit 1…Ke5 die Fernopposition gewinnen und dann mühelos das Zielfeld e8 verteidigen.

Allerdings ist Weiß am Zug und so nimmt der weiße König mit 1.Ke2 die Fernopposition ein. Nach 1…Ke5 2.Ke3 Kf5 kann Weiß mit 3.Kd4 den schwarzen König umgehen und droht bereits mit dem weiteren Vormarsch Kd4-d5-d6-d7. Der schwarze König muss sich daher erneut mit 3…Ke6 in den Weg stellen.

Nun wäre eine zweite Umgehung mit 4.Kc5 falsch, da der weiße König so den Kontakt zum Zielfeld verliert und der schwarze König durch Einnahme der vertikalen Opposition mit 4…Ke5 eine sichere Verteidigungsposition einnehmen könnte.

Richtig ist allein 4.Ke4 mit erneuter Nahopposition. Nach etwa 4…Kd6 folgt dann die Umgehung 5.Kf5, wonach sich das Manöver wiederholen könnte, z. B. 5…Ke7 6.Ke5 Kd7 7.Kf6 Ke8 8.Ke6 Kd8 9.Kf7 und Weiß hat das Zielfeld e8 erobert.

Der weiße König darf das Zielfeld nicht aus den Augen verlieren, d. h. er muss in einem Dreilinien-Korridor (d, e und f-Linie) vorrücken. Ansonsten wiederholt sich ein typischer Dreischritt: 1) Nahopposition 2) Umgehung 3) Nahopposition eine Reihe höher, wobei der dritte Schritt des alten bereits der erste Schritt des neuen Zyklus ist.

Hauptlinie und Nebenlinien (Dreiliniensystem)

Der Mechanismus von Opposition und Umgehung benötigt wie gesehen drei Linien.

Das Zielfeld bestimmt die Hauptlinie (siehe Diagramm links). Auf dieser Hauptlinie ist die Opposition einzunehmen. Geht der verteidigende König dann zur Seite, ist auf den Nebenlinien eine Umgehung mit Annäherung an das Zielfeld möglich.

Die Kenntnis der Haupt- und Nebenlinien erlaubt eine schnelle Orientierung darüber, wann die Opposition zu wahren oder wann sie aufzugeben und eine Umgehung zu starten ist.

Zur Verdeutlichung sehen wir uns noch ein Beispiel zu unserem Zielfeld-Spiel an (siehe Diagramm rechts).

Schwarz am Zug könnte mit 1…Ka3 (oder auch 1…Ka5) und defensiver Opposition leicht unentschieden halten.

Weiß am Zug kann mit 1.Ka2 die Opposition einnehmen und in der Folge das Zielfeld e8 erobern, z. B. 1…Kb4 2.Kb2 Kc4 3.Kc2 Kd4 4.Kd2 Ke4 5.Ke2. Mit seinem letzten Zug hat der weiße König die Nahopposition auf der Hauptlinie eingenommen. Erst danach rückt er auf einer der Nebenlinien mittels Umgehung eine Reihe vor, z. B. 5…Kf4 6.Kd4 Ke5 7.Ke3 usw. wie bereits gesehen.

Genauso verläuft das Spiel, wenn der weiße König zunächst nur die Fernopposition einnimmt wie im folgenden Beispiel (siehe Diagramm links). Zuerst Opposition auf der Hauptline, dann Umgehung auf den Nebenlinien.

1.Ka2 (Fernopposition) 1…Kb6 2.Kb2 Kc6 3.Kc2 Kd6 4.Kd2 Ke6 5.Ke2 (Fernopposition auf der Hauptlinie) 5…Kd6 6.Kf3 (Umgehung auf der Nebenlinie) 6…Ke5 7.Ke3 (Nahopposition auf der Hauptlinie) 7…Kd5 8.Kf4 (Umgehung auf der Nebenlinie) 8…Ke6 9.Ke4 (Nahopposition eine Reihe höher auf der Hauptlinie) 9…Kd6 10.Kf5 usw.

Sichere Felder

Wir haben gesehen, dass Weiß im Zielfeld-Spiel mit Hilfe der Opposition das Feld e8 immer erobern kann. Gleiches gilt auf der 8. Reihe für alle Felder von b8 bis g8. Dies kann jeder leicht für sich selbst überprüfen. Darüber hinaus kann der weiße König eigentlich jedes Feld auf und zwischen der b- und g-Linie unter Kontrolle bekommen.

Allerdings gibt es auch sichere Felder. Auf der 8. Reihe sind dies a8 und h8 (siehe Diagramm rechts). Bei den übrigen Feldern kommt es auf die Stellung der beiden Könige an, inwieweit diese sicher bleiben oder vom weißen König erreicht werden können.

Der Grund für die Sicherheit der Eckfelder a8 und h8 bzw. die relative Sicherheit der übrigen Randlinienfelder liegt darin, dass es hier neben der Hauptlinie nur eine Nebenlinie gibt.

Statt eines Dreiliniensystems haben wir hier nur ein Zweiliniensystem. Der verteidigende König muss statt drei nur zwei nebeneinander liegende Felder unter Kontrolle behalten, was ihm auch ohne Opposition leicht gelingt. Oder anders gesagt: Auf zwei Linien gibt es keine Umgehung.

Ortvin Sarapu’s „Ein-Weg-Turm“-Spiel

Bevor wir zu praktischen Anwendungen der Opposition kommen, noch ein letztes Fantasiebeispiel (siehe Diagramm unten). In der Komposition von Ortvin Sarapu (siehe auch hier und hier) soll Weiß den schwarzen König matt setzen, darf dabei den Turm allerdings nur einmal ziehen.

Ohne Nutzung der Opposition gelingt dies nicht, z. B. 1.Kh2 Kh8 2.Kh3 Kh7 3.Kh4 Kh6 4.Kg4 Kg6 und da 5.Kf4 an 5…Kf6 scheitert, kommt Weiß nicht weiter.

Richtig ist allein die Einnahme der Opposition, z. B. 1.Kg2 (Fernopposition) 1…Kh7 2.Kh3 Kg7 3.Kg3 (Fernopposition auf der Hauptlinie) 3…Kh7 4.Kf4 (Umgehung auf der Nebenlinie) 4…Kg6 5.Kg4 (Nahopposition auf der Hauptlinie) 5…Kh6 6.Kf5 (Umgehung auf der Nebenlinie) 6…Kg7 (6…Kh5 7.Th1 matt) 7.Kg5 (Opposition auf der Hauptlinie) 7…Kh7 8.Kf6 (Umgehung auf der Nebenlinie) 8…Kg8 (8…Kh6 9.Th1 matt) 9.Kg6 (Opposition auf der Hauptlinie) 9…Kh8 10.Tf8 matt

Fortsetzung …

Mehr und vor allem Beispiele zu vertikalen und horizontalen Dreiliniensystemen im Text “Aufklärung über Opposition”. Dort finden sich am Ende auch Quellen- und Literaturangaben.

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“Tote Stellungen” in Regelwerk, Komposition und Partie http://www.schachfieber.de/2009/12/16/tote-stellungen-in-regelwerk-komposition-und-partie/ http://www.schachfieber.de/2009/12/16/tote-stellungen-in-regelwerk-komposition-und-partie/#comments Wed, 16 Dec 2009 11:53:12 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=842

In einer Partie wird eine Mattstellung erreicht. Doch beide Spieler machen noch einen weiteren Zug. Erst dann stellen sie das Matt fest und beenden die Partie. In einer Turnierpartie zwischen Großmeistern wäre dies schon sehr seltsam, oder. Vergleichbares geschieht aber regelmäßig in bestimmten Remisstellungen. Und kein Schiedsrichter greift ein. Nach den Regeln ist die Partie beendet. Trotzdem wird ein weiterer Zug gespielt, aufgeschrieben und alles auch noch veröffentlich. So geschehen gerade wieder in der Partie Arndt Lauber gegen Konstantin Landa am letzten Bundesligawochenende.

Regelwerk

Die aktuelle Version der FIDE-Schachregeln (siehe hier) wurde im November 2008 beschlossen, vom DSB übersetzt (siehe hier), und gilt seit dem 1. Juli 2009. Im Artikel 1.3 heißt es: “Ist eine Stellung erreicht, in der keinem der beiden Spieler das Mattsetzen mehr möglich ist, ist das Spiel “remis” (unentschieden).” Daraus folgt: Lässt sich für eine Stellung zeigen, dass ein Matt nicht mehr möglich ist, ist die Partie sofort beendet.

In einigen anderen Artikeln wird der Inhalt von 1.3 aufgenommen und ausführlicher formuiert. Ich zitiere Artikel 5.2 b): “Die Partie ist remis, sobald eine Stellung entstanden ist, in welcher keiner der Spieler den gegnerischen König mit irgendeiner Folge von regelgemäßen Zügen mattsetzen kann. Eine solche Stellung heißt “tote Stellung”. Damit ist die Partie sofort beendet, vorausgesetzt, dass der Zug, der die Stellung herbeigeführt hat, regelgemäß war (siehe Artikel 9.6).” und Artikel 9.6: “Die Partie ist remis, sobald eine Stellung entstanden ist, aus welcher ein Matt durch keine erdenkliche Folge von regelgemäßen Zügen erreichbar ist. Damit ist die Partie sofort beendet, vorausgesetzt, der Zug, der diese Stellung herbeiführte, war regelgemäß.”

Der Artikel 5.2 gibt der Sache einen Namen. So können wir kurz und knapp sagen: Eine “tote Stellung” (“dead position”) ist immer und sofort remis. Weder eine Zeitüberschreitung noch ein dritter regelwidriger Zug ändern daran etwas. Weitere Wiederholungen, inhaltlich aber nichts Neues, bieten übrigens noch die Artikel 6.9 und 7.4 b. Es gibt dazu auch einen kleinen Wikipedia-Artikel “Tote Stellung”.

Interessant ist die Geschichte des Artikels 1.3. (Im Folgenden stütze ich mich übrigens auf die Sammlung älterer FIDE-Schachregeln von Otto Janko (siehe hier). Eine kommentierte Geschichte der Regeländerungen wäre hilfreich. Ich konnte aber keine finden und freue mich über jeden Hinweis.) Er taucht zum ersten Mal in den FIDE-Schachregeln von 1996/97 auf (siehe hier: “If the position is such that neither player can possibly checkmate, the game is drawn.”) Die weiteren oben angeführten Ergänzungen wurden dann in späteren Fassungen hinzugefügt (siehe z. B. hier).

In den FIDE-Schachregeln von 1992/93 (siehe hier) gab es noch keine allgemeine Formulierung, sondern in dem damaligen Artikel 10.4 nur eine Aufzählung besonderer Stellungen, König gegen König, König und Leichtfigur gegen König, und König und Läufer gegen König und Läufer bei Läufern auf gleicher Farbe:  “The game is drawn when one of the following endings arises: (a) king against king; (b) king against king with only bishop or knight; (c) king and bishop against king and bishop, with both bishops on diagonals of the same colour. This immediately ends the game.” Artikel 10.5 stellte dann noch klar, dass ein bloßer König nicht gewinnen kann.

Gegenüber 1992/93 gab es also 1996/97 eine sinnvolle Erweiterung. In der Version der FIDE-Schachregeln von 1977 (siehe hier) fehlte noch jeder Hinweis auf später so genannte “tote Stellungen”. Groben Unfug wie eine Spielen auf Zeit mit König und Springer gegen König hätten die Regeln damals noch zugelassen. Hier hätte der Schiedsrichter eingreifen müssen.

Schachkomposition

Die Komponisten von Schachproblemen haben einen besonderen Sinn für die offiziellen Schachregeln. Ich verweise nur auf den schönen Artikel “In the Twilight Zone of Chess Rules” von Jens Kristiansen. Berühmt ist die so genannte “Pam-Krabbé-Rochade” (siehe hier und hier), die zu einer Präzisierung der Rochade-Regeln führte.

Im Problem von Tim Krabbé (siehe Diagramm) setzt der Anziehende den schwarzen König im dritten Zug matt: a) nach 1.e7 gxf3 2.e8D+ Kd3 durch die lange Rochade 3.0-0-0# , b) nach 1.e7 Kxf3 2.e8T d4 durch die kurze Rochade 3.0-0#, und c) nach 1.e7 Kxf3 2.e8T Kg2 durch die Pam-Krabbé-Rochade 0-0-0-0# mit weißem König auf e3 und weißem Turm auf e2. (Vgl. Tim Krabbé: Schach-Besonderheiten, Bd 1, Düsseldorf (Econ) 1987, S.19f.)

Zum Zeitpunkt der Komposition entsprach die Pam-Krabbé-Rochade vollkommen den Regeln. Weder König noch Turm hatten gezogen. Und nur der Turm übersprang ein vom Schwarzen bedrohtes Feld. Durch die Einführung der weiteren Bedingung, dass nämlich König und Turm auf einer Reihe stehen müssen, wurde die vertikale Rochade dann aber bald ausgeschlossen.

Nach der Aufnahme des Artikels 1.3 in die FIDE-Schachregeln 1996/97 durfte man rückblickend fast erwarten, dass Schachkomponisten sich der neuen Regel annehmen würden. Wenige Jahre später war es dann soweit. Andrew G. Buchanan beschreibt seine Entdeckung in seiner FAQ for Dead Reckoning so:

“A weird thing happened. I stumbled across a chess rule that no one knew about before. No, really. The International Chess Federation updates the Laws of Chess every few years. Obviously, they don’t change the key stuff: like how a bishop moves. But they do fiddle around at the margins, and in 1997 they introduced a rule which has little impact on the real game, but does have consequences for chess problems. It wasn’t until late 2000 that anyone noticed these consequences. It happened to be me.”

Um welche Regel es sich handelt, wissen wir ja schon. Jedenfalls machte sich Buchanan ans Werk und komponierte eine ganze Reihe von wunderbaren Aufgaben. Auf der Website Some Novel Chess Problems hat er eine ganze Sammlung zusammen mit einführenden und erklärenden Texten veröffentlicht. Hier zwei Beispiele, die zeigen wie solche Probleme funktionieren.

Bei nur zwei Königen auf dem Brett zu fragen, wer zuletzt gezogen hat, mag auf den ersten Blick ganz sinnlos erscheinen. Aufgrund der “Tote-Stellung-Regel” lässt sich das Problem von Buchanan (siehe Diagramm) aber leicht lösen. Nehmen wir an Schwarz hat zuletzt gezogen. Dann ging der König von b8 oder a7 nach a8. War das Feld frei, war die Partie mit nur den Königen vorher schon beendet, und die Diagrammstellung konnte gar nicht mehr entstehen. Diesen Schluss nennt Buchanan “Dead Reckoning”, was ich ein bisschen holprig mit “Tote-Stellung-Überlegung” übersetze.

Weiter: Der schwarze König muss auf a8 eine weiße Figur geschlagen haben. Bei einer Leichtfigur wäre die Partie vorher schon mangels Mattpotential beendet gewesen. Und bei einer Schwerfigur war der schwarze König gezwungen zu schlagen. Damit wäre die Partie ebenfalls bereits beendet gewesen. Wieder eine “Tote-Stellung-Überlegung”.  Eine Bauernumwandlung auf a8 führt zu einer der beiden schon behandelten Fälle. Daher kann der schwarze König nicht zuletzt gezogen haben. Für den weißen König lässt sich dies dagegen zeigen. Er könnte z. B. auf c6 einen Turm oder Bauern geschlagen haben (Buchanans Erläuterung hier).

In der Aufgabe von Elkies (siehe Diagramm) steht auf a6 ein Bauer, markiert durch das Kreuz. Ob dieser weiß oder schwarz ist, weiß man nicht. Es lässt sich aber erkennen, dass die Stellung ganz unabhängig von der Farbe des Bauern bereits remis ist. Die Pattsetzung des schwarzen Königs ist nicht zu vermeiden, sowohl nach 1.axb7 oder 1.Dxb7 oder auch 1.Dg2 Lxg2+ 2.Txg2. Die Partie ist also in der Diagrammstellung beendet.

Im letzten Zug muss der schwarze Läufer nach b7 gezogen sein, entweder von a8 oder c8. Falls er auf b7 eine weiße Figur geschlagen hat, hatte Schwarz keine andere Zugmöglichkeit und die Partie war schon vorher beendet. Wieder eine “Tote-Stellung-Überlegung”. Ebenso, falls auf a6 ein schwarzer Bauer steht und der Läufer von c8 kam. Auch dann hatte Schwarz nur den Läuferzug nach b7.

Die einzige Konstellation, in der Schwarz bei seinem letzten Zug eine Wahl hatte, ist die mit dem schwarzen Läufer auf c8 und einem weißen Bauern auf a6. Nur dann hatte Schwarz eine Wahl zwischen Läufer schlägt Bauer a6 und dem Schachgebot auf b7. Nur dann war die Partie nicht bereits vor dem schwarzen Zug beendet (Buchanans Erläuterung hier).

Turnierpraxis

Im Unterschied zu den Komponisten kümmern sich die Spieler nur wenig um die Schachregeln. Turnierordnungen geht es da im Übrigen nicht besser. Schiedsrichter können ein Lied davon singen. Über Unsicherheiten bezüglich der Rochaderegeln sogar bei Großmeistern gibt es einige Anekdoten (siehe hier). Wobei die Gründe in diesen Fällen eher in Aufregung oder Anspannung als in Unkenntnis zu suchen sein dürften.

Im Falle der “toten Stellungen” fehlt es nicht allein an Regelkenntnis. Nach meinen Beobachtungen gibt es einen ausgesprochenen  Widerwillen gegen die Vorstellung, dass nach dem Wegnehmen der letzten eigenen Figur die Partie bendet ist, ohne dass man seinerseits noch den letzten Stein des Gegners vom Brett nehmen dürfte.

Nun aber endlich zur eingangs erwähnten Bundesligapartie Lauber – Landa (siehe Diagramm). Mit 95.-Tf3-f1+ stellte Landa seine Gewinnversuche ein und tauschte alles ab. Zwar war nun 96.Ta1xf1 erzwungen, aber die Partie deswegen noch nicht beendet, da Schwarz anschließend nicht auf f1 schlagen musste und sozusagen noch den Verlust wählen konnte. Nach 96.-gxf1L aber war die Partie sofort remis. Der weiße Zug 97.Kg1xf1 daher nur noch eine Zugabe nach Partieende.

Bemerkenswert ist, dass die Stellung nach 96.-gxf1L schon nach den Regeln von 1992/93 beendet war. Allerdings wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte Landa mit 96.-gxf1D+ oder 96.-gxf1T+ in eine Schwerfigur umgewandelt. Danach wäre die Partie erst nach den Regeln von 1996/97 beendet gewesen. Dieser Unterschied ist insofern bedeutsam, als Weiß im Falle einer Zeitüberschreitung früher verloren hätte, später nicht (siehe hier und hier).

Kleine Regelfrage zwischendurch: Wie ist die Partie zu werten, wenn Schwarz während der Ausführung seines 96. Zuges die Zeit überschreitet? a) Schwarz schafft es noch, seinen Bauern nach f1 zu setzen und den weißen Turm vom Brett zu nehmen, schafft es aber nicht, eine neue Figur auf das Brett zu stellen. b) Schwarz schafft es nur noch, seinen Bauern g2 anzuheben, aber nicht mehr, den weißen Turm f1 vom Brett zu nehmen.

Im Fall b) liegt eindeutig eine Zeitüberschreitung vor. Im Fall a) scheint mir die Sache kniffliger zu sein. In Betracht kommen die Artikel 4.6 und 6.9 (siehe hier). Nur was wiegt schwerer: Dass der Zug nicht vollständig ausgeführt ist oder dass die Stellung bei jeder Umwandlung, also schon mit dem Bauern auf f1, remis und somit die Partie schon vor der Zeitüberschreitung beendet ist? Ich würde auf Remis entscheiden. Natürlich ohne Gewähr.

Schluss

Aus der Schlussstellung nach dem 97. Zug von Weiß in der Partie Lauber gegen Landa lässt sich übrigens leicht eine kleine Retro-Aufgabe formulieren (siehe Diagramm).

Angenommen, den letzten Zug hat Weiß gemacht. Auf welchem der drei Felder e1, e2, g1 kann der weiße König vorher nicht gestanden haben? – Mit wenigen “Tote-Stellung-Überlegungen” (“Dead Reckoning”) kommen Sie schnell zu einem eindeutigen Ergebnis. – Schon witzig, oder.

In der Praxis halten die Turnierspieler offensichtlich an einer alten “Gewohnheit” fest und spielen fröhlich nach Partieende weiter (hier ein extremes Beispiel aus Schweden). Die Schiedsrichter lassen die Spieler gewähren und schweigen dazu. Aber was würde eigentlich passieren, wenn ein Spieler wirklich einmal in Mattstellung weiterspielt und noch einen Zug macht und aufschreibt? Ein bisschen neugierig bin ich schon…

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Die Tücke der Frontal-Verteidigung http://www.schachfieber.de/2009/12/06/die-tuecke-der-frontal-verteidigung/ http://www.schachfieber.de/2009/12/06/die-tuecke-der-frontal-verteidigung/#comments Sun, 06 Dec 2009 02:21:55 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=778

Die Frontal-Verteidigung gehört zu den elementaren Methoden im Endspiel “Turm und Bauer gegen Turm” (siehe “Elementare Turmendspiele”). Eigentlich ist sie auch gar nicht so schwer zu verstehen. Dennoch bereitet sie in der Praxis regelmäßig Schwierigkeiten. Die Frontal-Verteidigung hat so ihre Tücken. Doch diese haben durchaus ihren Reiz. Was sich anhand von drei dazu noch lehrreichen Beispielen aus der Endspielpraxis von vier Großmeistern und zwei Amateuren leicht zeigen lässt.

Wie die Frontal-Verteidigung funktioniert

Sehen wir uns zunächst an was die Frontal-Verteidigung ist und wie sie funktioniert (siehe auch hier). Im Lehrbeispiel (siehe Diagramm unten) schneidet der weiße Turm auf der d-Linie den schwarzen König vom c-Bauern ab. Schafft es Weiß, den Bauern ungehindert auch nur noch um eine Reihe vorzurücken, hat Schwarz keine Chance mehr. Der Anziehende erreicht dann mühelos eine Lucena-Stellung und gewinnt leicht. (Wem das nicht klar ist, der kann dies im oben bereits genannten Text oder in der Lektion über Turmendspiele oder hier nachsehen.) Allerdings schafft es der schwarze Turm allein, den weißen c-Bauern trotz Unterstützung durch den weißen König daran zu hindern. Wegen des Abstandes von drei Feldern zwischen Turm und Freibauer schafft es der kurzschrittige König nicht, sowohl den Bauern zu decken als auch den Turm anzugreifen.

Der weiße König braucht die Hilfe seines Turmes zur kurzfristigen Deckung des Freibauern. Nach 5.Td4 hängt die Wirksamkeit der Verteidigung davon ab, dass der schwarze König den Turm mit 5.-Ke5 anzugreifen. Dies bedeutet, der schwarze König muss im Lehrbeispiel auf e6 oder e5 stehen. Nur so harmonieren schwarzer Turm und schwarzer König. Darin liegt das ganze Geheimnis der Frontal-Verteidigung.

Tarrasch als Entdecker der Frontal-Verteidigung

Als erster beschrieben hat dieses Zusammenwirken meines Wissens Tarrasch. Löwenfisch und Smyslow schreiben in ihrem Turmendspiel-Klassiker “Theorie und Praxis der Turmendspiele” zwar, Cheron hätte als erster den Frontalangriff als Verteidigungsverfahren beschrieben, aber das stimmt nicht. Cherons erste Studien zu diesem Thema stammen von 1923. Tarrasch schrieb darüber bereits 1908 in dem Aufsatz “Neue Untersuchungen über Turmendspiele”, einem Anhang zu seinem Buch über den Weltmeisterschaftskampf mit Lasker (ich zitiere nach “Die Schachwettkämpfe Lasker – Tarrasch 1908 und 1916, Zürich (Olms) 1990 – die entsprechenden Passagen können in einer anderen Ausgabe auch bei Google Bücher nachgesehen werden, siehe hier – online nachgespielt werden kann Tarraschs Beispiel zur Frontal-Verteidigung hier)

Ich erwähne dies, weil Tarrasch ja vor allem für seinen Merksatz “Die Türme gehören hinter die Freibauern, hinter die eigenen wie hinter die feindlichen” (S. 126) bekannt ist. Da finde ich es schön, dass gerade er die Verteidigung mit dem Turm vor dem Bauern entdeckt. Hier seine Erläuterung:

“Wenn ein Freibauer im Turmendspiel zu weit zurück ist, das heißt, erst einen Zug gemacht hat (der in einem einfachen oder in einem Doppelschritt bestanden haben kann), so gewinnt er noch nicht die Partie, wenn er auch von seinem König geführt wird und der feindliche König (um eine oder zwei Linien) abgesperrt ist. Vorausgesetzt ist allerdings dabei, daß der verteidigende Turm richtig steht (…), nämlich VOR dem Freibauern, natürlich auf der letzten Reihe. Eine Ausnahme vor der oben aufgestellten Regel, daß die Türme HINTER die Freibauern, die eigenen wie die feindlichen gehören. Dies gilt eben nur für weiter – über ihren Doppelschritt hinaus – vorgerückte Bauern. Der innere Grund für diese Regel liegt darin, daß die Türme in dieser Position mehr Spielraum haben.” (S. 138f.)

Sehr gut erklärt. Überhaupt ist Tarrasch einer der ganz großen Schachschriftsteller (siehe auch hier). Trotzdem bleibt nett, dass ausgerechnet in dem Beispiel, zu dem er seinen Merksatz verfasst hat, der Turm tatsächlich in eine Stellung NEBEN dem Bauern überführt werden muss. Aber das wurde erst viel später von Vancura herausgefunden (siehe hier).

Die richtige Königsstellung

Kommen wir zum ersten praktischen Beispiel (siehe Diagramm unten). Der Anziehende verteidigt sich zunächst ausgezeichnet und erreicht mit seinem 77. Zug die Lehrbuchstellung von eben. Doch dann unterläuft ihm ein Fehler: Anstatt mit seinem König zwischen den Feldern e3 und e4 zu pendeln, so dass er bei Gelegenheit den schwarzen Turm auf d5 befragen kann, zieht er ihn zurück nach e2. Damit ist die Harmonie der Flanken-Verteidigung zerstört. Schwarz nutzt seine Chance und die Partie ist entschieden.

Warum der Fehler? Vielleicht gab sich Weiß für einen Moment der Hoffnung auf eine schnelle Aufhebung der Sperre hin. Wer weiß. In der Verteidigung und unter Druck ist ein Fehler schnell gemacht. Wir sehen jedenfalls, wie wichtig die richtige Königsstellung bei der Frontal-Verteidigung ist.

Der Kampf um die Grundreihe

Das zweite praktische Beispiel (siehe Diagramm unten) habe ich damals live im Internet verfolgt. Ich erinnere mich, dass der Anziehende das Endspiel bis zum 61. Zug von Schwarz sehr flott spielte, dann aber in langes Nachdenken verfiel. Zu spät, denn Dreev hatte bereits eine Frontal-Verteidigung erreicht. Ganz offenbar war sich Spraggett bis dahin seiner Sache sehr sicher gewesen. Aber irgendetwas muss er übersehen haben. Sonst hätte er ganz gewiss den möglichen Gewinn im 58. Zug gefunden und entsprechend Sand in das Getriebe der Verteidigung gestreut. Der Unterschied besteht darin, dass in der Partie der schwarze Turm auf die Grundreihe gelangt, während ihm dies in der Variante verwehrt wird.

Der Gewinnweg für Weiß lässt sich mit Engines oder Tablebases schnell ermitteln. Verstehen müsen wir diesen aber immer noch selbst: Der weiße Turm verwehrt dem schwarzen die Grundreihe. Zwar kann der schwarze König diese für seinen Turm erobern. Aber dadurch entfernt er sich von seinen guten Feldern. Weshalb dann die Partie wie im ersten praktischen Beispiel verloren geht.

Ich war von dieser Entdeckung sehr angetan und führte das Endspiel 2005 auch bei meiner Lehrprobe zum FIDE-Trainer vor. An der Reaktion von Razuvaev, der damals zur Prüfungskommission gehörte, konnte ich aber erkennen, dass solche Feinheiten auf anderem Niveau ein alter Hut sind. Gleichwohl ein sehr schönes und lehrreiches Beispiel.

Das Ausweichen auf die zweite Reihe

Einige Jahre später konnte ich anhand einer eigenen Partie wieder Neues (für mich) entdecken. Im dritten praktischen Beispiel (siehe Diagramm unten), gespielt im Berliner Mannschaftspokal, hatten weder mein Gegner noch ich besonders geglänzt. Interessant wurde es nach der Partie, als meine Mannschaftskollegen vom SC Kreuzberg, Klaus Lehmann und Peter Schnitzer, mit mir das Turmendspiel nach 69.-Txc3 untersuchten. Wir fanden bald heraus, dass Schwarz den c-Bauern geben und mit dem e-Bauern spielen muss. Weil der weiße Turm nicht auf die Grundreihe gelangt, gewinnt Schwarz gerade so eben: siehe die Varianten 74.Ta7 und 74.Ta8. Genau wie im letzten Beispiel, wie schön! Zuhause zeigte die Engine (sie schon wieder) aber gleich einen Weg zum Remis für Weiß, auf den wir nicht gekommen waren.

Dem Nachziehenden fehlt ein Tempo: Zieht Schwarz den e-Bauer vor, kommt Weiß zur Aufhebung der Sperre auf der zweiten Reihe. Zieht Schwarz den König vor, kommt Weiß zur Frontal-Verteidigung auf der zweiten Reihe. Keine große Sache, aber eine weitere schöne Feinheit.

In der Praxis ist die Frontal-Verteidigung auf der 2. Reihe schon einige Male vorgekommen. Auch ohne langes Suchen habe ich eine Handvoll Beispiele gefunden. Die Partie mit den prominentesten Spielern war Nikolic-Korchnoi, Horgen 1994, online nachzuspielen hier bei Chessgames. Die thematische Stellung entsteht im 62. Zug.

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“Klüger durch Schach?” – Glarean Magazin, Multiposting und Borniertheit http://www.schachfieber.de/2009/11/28/kluger-durch-schach-glarean-magazin-multiposting-und-borniertheit/ http://www.schachfieber.de/2009/11/28/kluger-durch-schach-glarean-magazin-multiposting-und-borniertheit/#comments Sat, 28 Nov 2009 10:11:57 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=725 Nie habe ich einen Artikel wegen eines so lächerlichen Anlasses geschrieben. Eigentlich nur, weil Herr Walter Eigenmann vom “Glarean Magazin” einen Kommentar nicht für interessant genug erachtet, um diesen freizuschalten. Gut, bei meinen Kommentaren mag das niemand wundern. Aber in diesem besonderen Fall hat es sich um eine direkte Antwort von mir auf eine Stellungnahme von Walter Eigenmann gehandelt, in der ich mich persönlich angegriffen fühlte. Keine Replik mehr zuzulassen, ist für mich nicht nur keine Netikette, sondern grenzt an willkürliche Unterdrückung ungenehmer Äußerungen, wie ich sie zwischen Betreibern von Schachwebseiten nicht erwartet hätte. Dazu steht dieses Verhalten in vollkommenem Gegensatz zum eigenen Multiposting von Walter Eigenmann zum Thema in den deutschsprachigen Schachforen (einfach “glarean klüger” googlen) . Der Link zum Glarean-Artikel ist hier zu finden, Walter Eigenmanns letzter Kommentar, meine nicht frei geschaltete Antwort und seine Ablehnung folgen zwecks Dokumentation. (Nachtrag 30.11.09: sowie eine Richtigstellung)

Kommentar Walter Eigenmann am 27. November 2009

>Ich hoffte, Sie könnten mehr dazu sagen, weil Sie die Rolle des Deutschen Schachbundes so betont haben.

Ich habe die „Rolle des Deutschen Schachbundes“ keineswegs betont, sondern informell auf seine Co-Herausgeberschaft hingewiesen. Dabei ging ich allerdings in der Tat von einer finanziellen Beteilung des DSB aus. Guido Feldmann hat das ja inzwischen richtiggestellt.

>Untersuchungen über etwa Schach und Schule begrüße ich ebenfalls. Ich denke aber, dass man hier auf Seriösität setzen sollte. Die Verquickung mit Public Relations, wie sie im besprochenen Buch nicht bloß im Titel geschieht, kann mich nicht begeistern. Wie mal jemand sagte: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“
Herzliche Grüße Wilhelm Schlemermeyer

Da hören Sie aber kräftig irgendwelches Gras wachsen
Denn bei dieser Buchpublikation sehe ich keinerlei Unseriösität: Autorin, Verlag, Herausgeberschaft sind ganz normal deklariert, und der Inhalt sogar streng wissenschaftlich.
Wie Sie zudem bei dem Buchtitel „Klüger durch Schach“ auf eine „Verquickung mit Public Relations“ kommen, ist mir endgültig schleierhaft…

Ich hoffe doch, dass man das Zitat nicht gegen den Zitierenden richten muss, der da schrieb: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.“…

W.E.

Kommentar Wilhelm Schlemermeyer am 27. November 2009 (nicht freigeschaltet) – (im Text wurde ein Schreibfehler korrigiert)

Lieber Walter Eigenmann,

durch Ihren letzten Beitrag fühle ich mich ein bisschen genötigt noch einmal etwas zu schreiben. Gut, sie kommentieren und werten jede meiner Äußerungen. Aber war der persönliche Angriff zum Schluss wirklich nötig?

Zur Klarstellung: Ich schreibe hier meine Gedanken und Einschätzungen. Die müssen nicht richtig sein und niemand muss Sie teilen. Aber bitte unterstellen Sie mir doch keine Unredlichkeit!

Ebenfalls zur Klarstellung:

1) Ich erwarte von einem seriösen Buch Klarheit in der Formulierung und Nachvollziehbarkeit der Argumente. Andernfalls lässt sich in der Sache schwerlich streiten. Daran mangelt es nach meiner Ansicht etwa bei den Thesen zum Schluss in Frau Bönsch-Kaukes Buch stark. Mir erscheinen diese im wörtlichen Sinne indiskutabel zu sein. Hier stellen wir offensichtlich unterschiedliche Ansprüche. Denn wie Sie zu Beginn Ihrer Besprechung schreiben, halten Sie diese Thesen für durch Forschung bewiesen und sehen darin in Anschluss an Frau Bönsch-Kauke den Kern einer Meta-Schachtheorie.

Sehen Sie sich allein oben in Ihrer Besprechung die Passagen zu den Thesen 2. „Das Schachspiel gleicht dem Lebenskampf“ und 3. „Schachstrategeme dienen sinnvoller Lebensführung“ an. Ich raufe mir beim Lesen die Haare, Sie posten den Text in fast allen Schachforen. Andere Leser werden sich ihr eigenes Urteil bilden.

2) Bezüglich Public Relations schon im Buchtitel war ich zugegeben etwas empfindlich, auch wenn mir dies Motiv offensichtlich scheint. Wie Sie in Ihrer Besprechung selbst dokumentieren, ist das Buch teilweise als Werbeschrift verfasst. Und wie von Ihnen angeregt habe ich auch beim DSB nachgefragt. Mir wurde mitgeteilt, bei Frau Bönsch-Kaukes Arbeit handele es sich um eine gering honorierte Auftragsarbeit des DSB. Guido Feldmann schreibt nun, vom DSB wurde nichts gezahlt. Stimmt beides, muss das Honorar aus anderer Quelle geflossen worden sein. Das ist natürlich nicht mehr als eine Schlussfolgerung!

(Ergänzung 30. November 2009: Zu dieser Frage gibt es eine Richtigstellung am Ende des Beitrags)

3) Noch eine Anmerkung zur Deutschen Schachstiftung. Dabei handelt es sich um eine Stiftung und nicht um einen Verband, wie Sie oben schreiben. Der Stiftungsvorstand Matthias Dräger ist auch der Verlagsinhaber des Reichl- und Leibnitz-Verlages, bei dem „Klüger durch Schach“ erschienen ist. Wenn Sie auf der Webpräsenz der Deutschen Schachstiftung (Link zu finden gegen Ende Ihrer Besprechung) den ersten Beitrag über eine Pressekonferenz bei der Schacholympiade in Dresden 2008 mit dem Titel „Sternstunde des Schulschachs“ lesen, finden Sie dort u. a. Frau Bönsch-Kauke, Detlef Koch und Cor van Wijgerden unter den Teilnehmern. Detlef Koch, der im Rahmen der Deutschen Schachstiftung an Lübecker Grundschulen Schach unterrichtet, spricht von Schach als einem „Therapeutikum der Nation“, Cor van Wijgerden sagt „Schach ist wichtig – aber kein Heilmittel gegen alles!“. Da kann ich nur Cor van Wijgerden zustimmen.

Herzliche Grüße
Wilhelm Schlemermeyer

Mitteilung per E-Mail von Walter Eigenmann am 28. November 2009

In einer privaten E-Mail erklärte Herr Eigenmann mir dann in einem Satz, dass von mir keine neuen Erkenntnisse zu erwarten seien.

Nachtrag und Richtigstellung (30. November 2009)

Ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass sich die von mir aufgeworfene Frage nach der Finanzierung von Frau Bönsch-Kaukes Arbeit durch den Deutschen Schachbund wie folgt beantworten lässt.

  • Vom Deutschen Schachbund in Auftrag gegeben und auch honoriert verfasste Frau Bönsch-Kauke 2007 eine Arbeit mit dem Titel “Expertise zu den Imagewerten des Schachs. Eine wissenschaftliche Studie über Erkenntnisse zu den Werten des Schachspiels”. Meines Wissens wurde diese nicht veröffentlicht.  Auf der Website des DSB gibt es auch einen Artikel von Frau Bönsch-Kauke über einen DOSB-Lehrgang 2007, in dem diese Arbeit erwähnt wird. Link hier.
  • Als private Arbeit veröffentlichte Frau Bönsch-Kauke 2008 ein Buch mit dem Titel “Klüger durch Schach: Wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels”. Erschienen ist dieses im Leibnitz-Verlag. Im Buch findet sich der Vermerk “Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schachbund und der Deutschen Schachstiftung”. Eine finanzielle Beteiligung des DSB an diesem Buch gab es nicht. Die Arbeit von 2007 wird im Literaturverzeichnis des Buches angeführt: “Kauke, M.: Expertise zu den Imagewerten des Schachs. Eine wissenschaftliche Studie über Erkenntnisse zu den Werten des Schachspiels. Berlin 2007″.

Ich hoffe, die Frage der Finanzierung und die vermeintlich widersprüchlichen Auskünfte seitens des Deutschen Schachbundes sind damit geklärt. Soweit das Erfreuliche. Ich bedaure allerdings, bezüglich dieser Frage selbst etwas zu aufgeregt Mutmaßungen formuliert zu haben.

Ausgangspunkt dafür war die unrichtige Behauptung von Herrn Eigenmann (Glarean Magazin) in seiner Besprechung des Buches von Frau Bönsch-Kauke, dieses sei vom Deutschen Schachbund “maßgeblich finanziert” worden (Zitat: “Die vom Deutschen Schachbund initiierte und maßgeblich finanzierte Metaexpertise der Psychologin”). Diese Textstelle hat Herr Eigenmann in der Besprechung selbst inzwischen stillschweigend geändert (derzeit Zitat: “Die vom Deutschen Schachbund initiierte und herausgegebene Metaexpertise der Psychologin”) und so ist die alte Aussage nur noch indirekt in den Kommentaren zu finden.

Gleichwohl bin ich selbst für meine Äußerungen verantwortlich. In der Wahl meiner Quellen sollte ich in Zukunft etwas vorsichtiger sein.

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Das Mousetrapper-Motiv http://www.schachfieber.de/2009/11/25/das-mousetrapper-motiv/ http://www.schachfieber.de/2009/11/25/das-mousetrapper-motiv/#comments Wed, 25 Nov 2009 20:12:28 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=653

Keine Angst! Hier wird keiner Maus ein Haar gekrümmt. Und es geht auch nicht um fiese Webseiten, die ihre Besucher mittels “Mousetrapping”  am Verlassen der Seite hindern, z. B. durch endlose Popups. Wer sich dafür interessiert (und sich traut), kann auf der Seite von Richard Stern, “Mousetrapping and Pagejacking” vorbeischauen.  Nein, hier geht es um ein wenig bekanntes taktisches Motiv, das ich “Mousetrapper-Motiv” nenne, weil ich es zum ersten Mal auf dem Schach-Blog “Mousetrapper’s Chess Log” gesehen habe.  Es hat mir so gut gefallen, dass ich es im Training beim SC Kreuzberg gezeigt habe. Was aber noch nicht das Ende der Geschichte ist.

Die Mousetrapper-Stellung

Doch der Reihe nach. Im Mai 2008 veröffentlichte Mousetrapper den Schluss einer Trainingspartie mit Deep Shredder 11 auf seinem Blog, siehe den Eintrag “Brilliant endgame tactics of Deep Shredder”. Das taktische Motiv ist nicht wirklich kompliziert, aber meines Erachtens selten und wenig bekannt. Ich finde es wunderbar und nenne es nach dem Blog “Mousetrapper-Motiv” und die thematische Stellung entsprechend eine “Mousetrapper-Stellung”.

Gefunden hatte ich das Beispiel Mitte Oktober. Und weil mir der überraschende Angriff über die siebte Reihe so gut gefiel, habe ich es am 17. Oktober im Schachclub Kreuzberg bei unserem gemeinsamen Jugendtraining Atila Gajo Figura gezeigt und am 22. Oktober auch noch in meinem Fortgeschrittenen-Training vorgeführt.  Soweit, so gut.

Die (Mause-)Falle schnappt zu

Groß war meine Überraschung, als Atila wenige Tage später, am 24. Oktober, das Motiv selbst anwenden konnte. Bei der 9. Deutschen Betriebsschach Mannschaftsmeisterschaft erreichte er als Nachziehender nach dem 25. Zug von Weiß die folgende Position. Die ganze Partie ist auf der Turnierwebsite online nachspielbar, siehe hier. In der Diagrammstellung hat Atila gerade Remis abgelehnt und strebt nun eine “Mousetrapper-Stellung” an: a) Turm-Bauer vorrücken, b) Turm auf die g-Linie und c) Dame nach e6.

Wie in den Kommentaren bereits angedeutet, hat Atila hier nicht nur einen taktischen Trick angewandt, sondern die “Mousetrapper-Stellung” planvoll angestrebt und dies technisch ausgezeichnet umgesetzt. So zeigt die Partie, dass in der scheinbar harmlosen Dame-plus-Turm-Stellung mit Bauern auf einem Flügel die weißen Schwächen doch noch einiges Spiel zulassen. Falls, wie in der Partie, dem Verteidiger das “Mousetrapper-Motiv” nicht bekannt ist, kann die Partie trotz ganz “normaler” Züge verloren gehen. Bei Kenntnis des Motivs sind die Probleme aber gut lösbar. Offene Fragen bleiben aber: Wie ist z. B. die Stellung mit einem schwarzen Bauern auf h3 einzuschätzen?

Nachzutragen bleibt noch, dass bei dem Turnier Matthias Möller, der 1. Vorsitzende des SC Kreuzberg, als Schiedsrichter wirkte. Er war auch beim Jugendtraining eine Woche vorher dabei. Außerdem gab es noch einen Zuschauer aus meinem Kreuzberg-Training, so dass bei der Partie live gleich mehrere Beobachter zugegen waren, die gespannt den Verlauf der Partie verfolgten – und nicht enttäuscht wurden. Gewissermaßen ein “Mousetrapper” mit Ansage. Ich selbst habe erst am nächsten Tag per E-Mail davon erfahren. Auch noch schön genug.

Ein “halber” Vorgänger

Sowohl Atila als auch ich machten uns auf die Suche nach Vorgängern, die es doch geben sollte. Tatsächlich fanden wir aber nur einen, Krasenkow – Cvitan, Pula 19997. Nach dem 43. Zug von Schwarz war in der Partie die folgende Stellung entstanden. Der schwarze Freibauer spielt kaum eine Rolle. Weiß greift mit Dame, Turm und h-Bauer den schwarzen König an.

Da am Ende der schwarze Turm mit Schach fällt, bleibt das eigentliche “Mousetrapper-Motiv” ein bisschen unter der Oberfläche. Insofern nur ein “halber” Vorläufer.

Es ist doch sehr erstaunlich, dass so ein ebenso elegantes wie einfaches taktisches Motiv kaum vorgekommen sein soll. Vielleicht findet ja der eine oder andere Leser mehr Beispiele. Ich würde mich über Hinweise jedenfalls freuen.

Nachtrag (26. November 2009)

Thomas Binder (SF Siemensstadt und Herder-Gymnasium in Berlin) hat das “Mousetrapper-Motiv” ebenfalls seinen vorzüglichen Trainingsmaterialien hinzugefügt und sehr schön kommentiert. Ein thematischer Index erleichtert im Übrigen das Zurechtfinden in der Fülle seiner Materialien.

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Besonderheiten des Endspiels und Hinweise für das Training http://www.schachfieber.de/2009/11/22/besonderheiten-des-endspiels/ http://www.schachfieber.de/2009/11/22/besonderheiten-des-endspiels/#comments Sun, 22 Nov 2009 16:07:55 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=633

Beginnt das Endspiel nicht mit einem Umsturz? Ruhte seine Majestät gerade noch in seinem Rochadegemach und verfolgte die Mühen seiner Untertanen nur aus sicherer Distanz, erhebt sie sich nun, begibt sich zum Ort des Geschehens und legt sich selbst mächtig ins Zeug. Und doch hat schon seine Ordnung. Weder die Regeln des Spiels noch die Machtverhältnisse auf dem Brett haben sich geändert. Was beim Übergang ins Endspiel auffällt, ist nur die seltsame Doppelnatur des Königs im Schach. Denn der König ist ja nicht nur das primäre Angriffsziel (Matt), sondern eben auch eine Figur, die selbst angreifen kann. Wie auch immer. Mir gefällt der König in seiner neuen Rolle als Diener des kleinen Bauern durchaus.

Besonderheiten des Endspiels

Vor allem fünf Merkmale unterscheiden gewöhnlich das Endspiel vom Mittelspiel. Erstens die Aktivität der Könige. Wenn mehr und mehr Figuren abgetauscht werden, tritt ihr Sicherheitsaspekt in den Hintergrund und ihr Angriffsaspekt in den Vordergrund: Zweitens die wachsende Bedeutung von Freibauern. Denn das Spielziel besteht in der Erlangung eines entscheidenden materiellen Übergewichts durch Bauernumwandlung. Drittens wird der Zugzwangs zu einem wichtigen Mittel. Kommt es in Eröffnung und Mittelspiel auf jedes Tempo an, zeigt sich im Endspiel die dunkle Seite der Zugpflicht. So ließe sich selbst das einfache Endspiel König und Turm gegen König ohne Zugzwang nicht zu gewinnen. Schließlich sind noch viertens das Patt und fünftens die Bedeutung von Festungen zu erwähnen.

Endspieltraining

Aktive Könige, Freibauern, Zugzwang, Pattverteidigungen, Festungen: All die seltsamen Regeln des Schachspiels zeigen ihre Wirkung besonders im Endspiel.  Beim Angriff im Mittelspiel mag man davon absehen können. Aber wer auch im Endspiel immer etwas unternehmen, etwas drohen möchte, der wird schnell an Grenzen stoßen. Denn dort ist ein andere Haltung, eine besondere Herangehensweise gefragt. Kurz: Das Endspiel verlangt Fertigkeiten, die man auch gesondert trainieren sollte.

Zum Endspieltraining gehört meines Erachtens dreierlei: Erstens die Aneignung der wichtigsten theoretischen Endspiele, d.h. der elementaren Endspiele und der typischen Verfahren, die in ihnen zur Anwendung kommen. Zweitens das Verständnis der so genannten allgemeinen Prinzipien der Endspielführung, am besten durch das Studium der klassischen Vorbilder. Und drittens das ausgiebige praktische Üben der Entscheidungsfindung im Endspiel, d.h. das Lösen von Aufgaben zum Thema.

Hinweise zur Endspielliteratur

In den letzten Jahren sind viele neue Bücher über das Endspiel erschienen. Zur Orientierung möchte ich einige Empfehlungen zu sechs Kategorien von Endspielbüchern geben. Die Auswahl ist selbstverständlich subjektiv, deshalb aber noch nicht willkürlich. Natürlich gibt es weitere sehr schöne Bücher, wie z.B. von E. Mednis, J. Speelman oder G. Flear. Irgendwo war eben eine Grenze zu ziehen.

Nachschlagewerke

Ich beginne mit den Nachschlagewerken. Einen Überblick in einem Band geben F. Lamprecht u. K. Müller in „Grundlagen der Schachendspiele“. Außerdem ist die von J. Awerbach bearbeitete Endspielserie in mehreren Bänden sehr gut. Leider ist die fünfbändige Ausgabe des Sportverlages nur noch antiquarisch zu bekommen. Immerhin gibt es eine überarbeitete und geprüfte elektronische Neuausgabe bei Convekta unter dem Titel „Comprehensive Chess Endings“, allerdings nur in englicher, nicht in deutscher Sprache.

Lehr- und Arbeitsbücher

Wer das Endspiel studieren möchte, benötigt ein Lehr- bzw. Arbeitsbuch. Hier ist an erster Stelle M. Dworetski „Die Endspieluniversität“ zu nennen, auch in digitaler Form erhältlich. Sehr gut ist außerdem A. Pantschenko „Endspieltheorie und Praktik“. Für dieses Buch spricht die große Anzahl an Aufgaben. Allerdings sollte man an Layout und Verarbeitung nicht so hohe Ansprüche stellen. Convekta bietet aber eine sehr schöne digitale Ausgabe des Buches an (auch in deutsch). Für Spieler, die erst einen Einstieg suchen, sind J. Howell „Essential Chess Endings“  (eigentlich meine erste Wahl, heute leider nur noch schwer zu bekommen) und L. Alburt u. N. Krogius „Just the Facts“  meine Favoriten. Beide Bücher bieten einen kompletten Überblick und viel erklärenden Text.

Aufgabensammlungen

Trainieren heißt Aufgaben lösen. Deshalb sind gute Aufgabensammlungen sehr wichtig. Zunächst möchte ich hier B. Rosen „Fit im Endspiel“ nennen, eine kleine, aber sehr gute Sammlung von Materialien, die den großen Vorteil bietet, diese in Form von Aufgaben zu präsentieren. Dann gibt es von J. Konikowski eine Serie von Testbüchern zu Endspielthemen und von G. Flear „Test your Endgame Thinking“. Sehr gut gefällt mir auch das digitale  „Chess Endgame Training“ von Convekta, eine Sammlung von mehr als 2.400 Endspielaufgaben (auch in deutscher Sprache).

Auf Bücher zu speziellen Endspielen möchte ich nicht weiter eingehen. Mir gefallen z.B. sehr gut: W. Hajenius und H. van Riemsdijk „The Final Countdown“, K. Müller und F. Lamprecht „Secrets of Pawn Endings“, oder J. Emms „The Survival Guide to Rook Endings“.

Endspielstrategie

Gute Bücher zur Endspielstrategie sind J. Aagaard „Excelling at Technical Chess“, M. Schereschewski „Strategie der Schachendspiele“ (in der erweiterten englischen Ausgabe: M. Shereshevsky „Endgame Strategy“) und A. Jussupow und M. Dworetzki „Effektives Endspieltraining“.

Sammlungen praktischer Endspiele

Als Sammlungen praktischer Endspiele gefallen mir z. B. N. McDonald „Practical Endgame Play“, Christopher Lutz „Endspieltraining für die Praxis“ oder M. Marin „Learn from the Legends“.

Endspieltaktik

Schließlich gibt es noch die Bücher zur Endspieltaktik und Studien: J. Nunn „Taktische Schachendspiele“, A. Karpow und J. Gik „Schachstudien der Weltmeister“, J. Beasley und T. Whitworth „Endgame Magic, und J. Nunn „Endgame Challenge“.

Fazit

Das ist natürlich nur eine kleine persönliche Auswahl. Wer eines der Arbeitsbücher (Dworetski, Pantschenko, Howell, Alburt) mit einem der Bücher zur Schachstrategie (Aagaard, Schereschewski) kombiniert und eventuell noch die Trainings-CD von Convekta (Chess Endgame Training) hinzunimmt, dürfte ausgezeichnet für das Endspielstudium gerüstet sein.

Nachbemerkung

Bei diesen Text handelt es sich um die (hier nur leicht veränderte) Einleitung zu einigen Besprechungen von Endspielbüchern von mir, erschienen in der Juni-Ausgabe 2006 (S. 51 ff.) der Zeitschrift “Schach”. Für die Erlaubnis zur Wiedergabe danke ich Raj Tischbierek, Chefredakteur der Zeitschrift Schach und Geschäftsführer des Exzelsior-Verlages.

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Software für Blindschach-Übungen http://www.schachfieber.de/2009/10/07/software-fuer-blindschach-uebungen/ http://www.schachfieber.de/2009/10/07/software-fuer-blindschach-uebungen/#comments Wed, 07 Oct 2009 14:21:58 +0000 wilhelm http://www.schachfieber.de/?p=351

Darbietungen von Blindschach und besonders Blind-Simultan-Schach sind immer eine Attraktion. Ein solches Spektakel fand vor zehn Jahren in Berlin statt, als Robert Hübner im Blindsimultan an acht Brettern gegen die erste Mannschaft des SC Kreuzberg antrat und fünf Siege und drei Remis erzielte. Harald Fietz hat darüber einen sehr schönen Bericht – “Blinder Durchblick” – geschrieben. Spektakulär ist auch das jüngst aufgetauchte Videozeugnis eines Blindsimultans von Mikhail Tal an zehn Brettern. Steve Giddens hat das Geschehen in einem Chessbase-Artikel zusammengefasst und teilweise ins Englische übersetzt. Bei dem Video handelt es sich übrigens um einen Ausschnitt aus dem 1968 gedrehten Dokumentarfilm “Seven Steps beyond the Horizon”.

Warum Blindschach-Training?

Das Spiel ohne Ansicht des Brettes ist beeindruckend. Aber auch am Brett müssen die Spieler gewissermaßen “blind” spielen. Denn die sichtbaren Bewegungen der Figuren auf dem Brett sind ja nur die Spitze des Eisberges. Größtenteils bleibt das Geschehen einer Schachpartie unsichtbar und spielt sich nur in der Vorstellungswelt der Spieler ab. Im Aufsatz  “Die Psychologie des Schachspielers” (1909) schreibt Siegbert Tarrasch: “Eigentlich ist ja auch die gewöhnliche Partie, ist ja auch das ganze Schach Blindspiel. Man geht von einer gegebenen sichtbaren Stellung aus, kommt aber dann beim Berechnen auf eine ganz andere, die man sich völlig deutlich, durchaus plastisch vorstellen muss, um von ihr aus seine Berechnungen fortzusetzen. Man muss also völlig von der auf dem Brette sichtbaren Stellung abstrahieren, ja im Gegenteil, diese Stellung wird nur störend, denn sie erschwert die plastische Veranschaulichung der im Geiste geschauten Zukunftsstellung.” (zitiert nach W. Kamm: Siegbert Tarrasch. Leben und Werk, Unterhaching 2004, S. 562)

Tarraschs Schilderung lässt an Jonathan Tisdall’s “Stepping-Stone-Technik” denken. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag. Hier möchte ich Tarraschs Hinweis folgen, dass die sichtbare Stellung durchaus zum Störfaktor werden kann. In seinem Artikel “Reflections on Becoming a Master Player” (2000) erinnert sich Kevin Spraggett an die 80er Jahre. Damals sorgte eine neue Generation sowjetischer Spieler für Aufsehen, weil sie während der Partie weniger auf das Brett als an die Decke, in die Zuschauer oder auf einen Punkt in der Ferne blickten. Die Ergebnisse waren allerdings ziemlich beeindruckend. Für Spraggett kombiniert diese neue Methode die gewöhnlichen Techniken (“usual ‘visual’ chess thinking”) mit Techniken des Blindspiels (“‘blindfold’ chess thinking“). Der Erfolg der neuen Methode beruht laut Spraggett darauf, dass sich die beiden Techniken ergänzen, man also mit ihnen zusammen besser “sieht” als mit einer allein.  (“There are many things you don’t ‘see’ in chess which you do ‘see’ when you close your eyes, and of course, the reverse is equally true. I suggest you try some experiments!“) Laut Spraggett verwendeten diese von sowjetischen Trainern neu entwickelte Methode z. B. Shirov, Ivanchuk, Gelfand und auch Anand.  Blindschach dürfte mithin für jeden Schachspieler ein wichtiges und spannendes Thema sein!

Das Brett und immer nur das Brett

Womit könnte ein Blindschach-Training beginnen? Hinweise dazu lassen sich bei Tarrasch in “Das Blindspiel” (1897) finden : “Ein Punkt ist nicht zu übersehen. Wer blind spielen will, muss das Brett beherrschen; er muss von jedem Felde die Farbe kennen, muss wissen, wohin von jedem Felde aus ein Springer ziehen kann, muss wissen (abgesehen davon, dass er es geistig sehen wird), dass ein Läufer auf b1 nach h7 zieht etc. Das Brett und immer nur das Brett! Die Figuren sind viel weniger wichtig! Am Brett ohne Figuren spielen, ist sehr leicht, kaum schwerer als mit Figuren.” (zitiert nach W. Kamm: s.o., S. 567) Das Brett und immer nur das Brett, schreibt Tarrasch. In der Tat ist es bereits für Anfänger und Kinder wichtig, sich mit dem Schachbrett vertraut zu machen. Dazu gehört die Benennung der Felder, der Linien, Reihen und Diagonalen, die Geometrie des Schachbretts, die Zugmöglichkeiten der Figuren sowie deren Wirkungen und Wechselwirkungen etc. Und vertraut macht man sich durch kleine Übungen, sowohl auf dem Brett als auch blind.

Auch Spraggett betont im bereits genannten Aufsatz “Reflections on Becoming a Master Player” die Bedeutung des Schachbretts: “It has always surprised me how little time books spend explaining the importance of the chessboard in itself. It has an importance more than just being the ‘table’ onwhich the game takes place… Knowing the characteristics of the board is extremely important. Books spend too much time on the pieces, not realizing that much is missed by neglecting a closer study of the relationship of the board with each separate piece.” Wie gesagt, das Studium und die Verinnerlichung von Schachbrett und der Beziehungen der Figuren und Brett ist von Anfang an ein wichtiger Bestandteil der Schachausbildung. Tatsächlich haben aber selbst erfahrene Spieler hier oft Defizite. Dazu Spraggett: “A lot of players have difficulty visualizing a chess board. You can ask them to close their eyes and then quiz them on squares (what colour they are), on diagonals (what squares are attached to them), files, etc. My experience as a trainer is that many players have difficulty doing so. This is compounded by the popularly held belief that it is unimportant…”

Trainieren der schachlichen Einbildungskraft (Visualisierung)

Aber die Vertrautheit mit dem Schachbrett ist wichtig. Und Spraggett erklärt auch warum das so ist. Beim Schachspielen sehen wir nicht nur mit den Augen, sondern auch mit unserem Geist. Wobei es hier nicht auf die Worte ankommt. Wichtig ist, dass wir in unserer Vorstellung das Brett nicht als Ganzes sehen, sondern zerlegt in Teile. Es ist daher nötig, diese Fragmente sozusagen immer zusammen denken. Und damit dies funktioniert, müssen wir uns mit dem Schachbrett und den Figuren sowie deren Wechselwirkungen so gut vertraut machen, dass das Zusammendenken möglichst automatisch und fehlerlos abläuft. In Spraggetts Worten: “But it is important because of how the brain works! The thinking process in chess involves the use of our eyes as well as our ”mind’s eye”. Our mind’s eye sees the board in a different way, as it can not ‘visualize’ the board as a whole it must break the board down into components, with each component being geometrically related to the others. If we haven’t consciously understood the geometry of the board sufficiently and all of the implications with respect to each and every piece, then our mind’s eye (our way of imagining the board) will not appreciate the whole board, and hence certain tactical oversights may go unnoticed.”

Hilfsmittel für Blindschach-Übungen

Womit wir endlich bei den angekündigten Hilfsmitteln für das Blindschachtraining wären. Im Folgenden möchte ich kurz eine Website und zwei Programme vorstellen, die Übungen zum Vertraut werden mit dem Brett bieten. (Die Wiedergabe der Bilder und Screenshots erfolgt mit der freundlichen Genehmigung der Autoren.)

Kurz ein paar Bemerkungen zum Vokabular: Im Englischen spricht man von “Vision”, “Board Vision” oder “Visualisierung”. Im Deutschen wird Visualisierung eher im engeren Sinn von Verbildlichung gebraucht, einer Umsetzung von Daten oder Sprache in Bilder. Beim Schach genügt vielleicht der alte Ausdruck “Vorstellung”.  Allerdings gefällt mir “Einbildung” noch besser. Etwas altmodisch ließe sich von Trainieren der “schachlichen Einbildungskraft” sprechen. Wobei heutzutage für die gleiche Sache allerdings “Fantasie” und Trainieren der “schachlichen Fantasie” gebräuchlicher sind. Wie auch immer. Wichtig ist, dass es sich um eine aktive, schöpferische Tätigkeit handelt, die sich üben lässt!

Die “Chess Drum-Chess Academy” von Daaim Shabazz

Die Website “The Chess Drum” bietet im Rahmen ihrer “Chess Academy” eine ganze Reihe von Aufgaben. Klicken sie auf diesen Link und scrollen sie weit hinunter. Dann kommen Sie unter der Überschrift “Improve your Chess Skills!” zur Rubrik “Board Vision” (siehe Screenshot unten). In drei Tests finden Sie jeweils in vier verschiedenen Abschnitten insgesamt 155 Übungen.

Klicken Sie auf einen der Tests, kommen Sie zu den Abschnitten. Ich habe hier “Test 2″ gewählt (siehe Screenshot unten). Unter “Square Dancing” finden Sie Fragen nach Felderfarben, etwa: Ist das Feld c6 ein weißes oder schwarzes Feld? Auch bei “Board Stretch” gibt es solche Fragen, allerdings auf einem größeren Brett. Eine sehr schöne Idee!

Bei “Board Geometry” kommen die Figuren ins Spiel (siehe Screenshot unten). Sie werden z. B. gefragt, von welchen Feldern ein Springer sowohl nach e6 als auch nach h7 ziehen kann.

Im Abschnitt “Blindfold Chess” geht es dann um Blindspiel-Aufgaben (siehe Screenshot unten). Sie werden etwa gefragt, welchen Zug Sie als Weißer in der Stellung nach 1.e4 e5 2.Sf3 f5 3.exf5 Kf7 4.Sx5+ Kf6 5.d4 Kxf5 6.Dg4+ Kf6 machen würden.

Für die Eingabe der Lösungen genügt bei den Felderfragen ein Klick auf den entsprechenden Button. Bei den weiteren Aufgaben müssen Sie ein Feld, eine Zahl oder einen Zug in ein Feld eintragen. Dabei ist zu beachten, dass Sie die Vorgaben beachten (englisches Buchstabenkürzel für die Figuren, x für Schlagen etc.). Eine Kurzanleitung finden Sie auf der Webseite. Feedback erhalten Sie entweder sofort, oder indem Sie nach Eingabe der Lösungen einen Button klicken. Die Auswertung erscheint dann in einem Pop-up-Fenster. bei mir hat alles gut funktioniert.

Fazit: Wer solche Übungen noch nicht ausprobiert hat, findet hier eine bequeme Möglichkeit zum Einstieg. Ein tolles Angebot!

Der “Chess Blindfold Trainer” von Alf Magne Kalleland

Wie die Übungen bei “The Chess Drum” ist auch der “Chess Blindfold Trainer” von Alf Magne Kalleland in Javascript geschrieben. Sie bearbeiten die Aufgaben ebenfalls im Browser. Hier der Link für die Online-Demo. Sie können sich die Dateien aber auch herunterladen und lokal auf Ihrem Rechner aufrufen. Hier der Link zum Programm auf dhtmlgoodies.com und hier der Link zu Beschreibung und Anleitung.

Ich habe das Programm heruntergeladen und auf meinem Rechner die html-Datei des Programms mit dem Browser geöffnet (siehe Screenshot unten).  Klicken Sie auf das Bild, kommen Sie zur Online-Demo, die genauso aussieht. Rechts sehen Sie, welche Übungen der Blindfold Trainer anbietet. “Color of Squares” sind Fragen zur Feldfarbe, “Diagonals” und “Knight Moves” zu Figurenbewegung und Brett. “Correct Move” und “Correct move (from sequence)” sind Aufgaben zum Blindschach. “Mixture” bietet eine Mischung aus allen. Wie viele Aufgaben es insgesamt sind, habe ich nicht gezählt. Aber es sind eine ganze Menge. In der Anleitung wird zudem beschrieben wie man selbst weitere Übungen ergänzen kann.

Ein Beispiel für eine “Diagonals”-Aufgabe (siehe Screenshot unten). Liegen die Felder c8 und g4 auf einer Diagonale?

Und noch ein Beispiel aus dem “Correct Moves”-Abschnitt (siehe die beiden unteren Screenshots). Eine Stellung wird angesagt und der nächste Zug ins Feld eingetragen werden. Nach Bestätigung der Eingabe öffnet sich eine Antwortseite, die das Ergebnis und die richtige Lösung mitteilt.

Fazit: Der “Chess Blindfold Trainer” ist ein schönes kleines Programm. Praktisch ist zudem, dass man selbst eigene Aufgaben hinzufügen kann. Ausprobiert habe ich dies aber noch nicht.

Die “Chess Training Tools” von Dietrich Kappe

Die “Chess Trainings Tools” (aktuelle Version ist 1.4) sind in Java geschrieben. Daher muss die Java-Laufzeitumgebung  auf Ihrem Rechner installiert sein. Diese können Sie hier herunterladen. Diese “Chess Trainings Tools” finden Sie zum Download entweder hier auf der Site von sourceforge.net oder hier auf der Site “Chess Training” von Dietrich Kappe. Nach dem Entpacken starten Sie einfach die jar-Datei und schon sehen Sie die Programmoberfläche mit geöffneter Hilfe-Datei vor sich (siehe Screenshot unten).

Alles ist sehr übersichtlich und aufgeräumt. Für leichte Verwirrung sorgen nur die verschiedenen Namen für das Programm: “Chess Training Tools 1.4″ kennen wir ja schon. Unter dieser Bezeichnung haben wir es gefunden und heruntergeladen. In der Titelleiste heißt es jetzt “Chess Trainer 1.4.0″. Das klingt etwas anders, aber noch ähnlich. In der Hilfedatei ist nun aber die Rede von “CVT” für “Chess Visualisation Trainer”. Ich vermute, dies rührt von der gemeinsamen Herkunft mit dem kommerziellen Programm “Chess Eye” her. Eine teilweise freie Ergänzung ist “CVT Online“, wo nach Anmeldung  jeder online Aufgaben bearbeiten kann. Allerdings ist die Menge der Aufgaben beschränkt. In welcher Weise, habe ich allerdings nicht ganz verstanden. Auch über die Geschichte von “Chess Eye” und “Chess Training Tools” weiß ich nichts zu berichten. Zurück zum Programm, das so einiges zu bieten hat.

In der Menüleiste am oberen Rand können Sie die gewünschten Aufgaben auswählen. “Color”, “Same Color”, “Diagonal 2″, Diagonal 3″, “Knight” und “Knight 2″ beinhalten die uns schon bekannten Übungen zu Brett und Figuren. Daneben gibt es aber noch “Mate”, “Vision”, “Blindfold” und “Vince”.  Bei “Mate” bekommen Sie eine Stellung in Schriftform (Stellung der Figuren) und müssen angeben, ob es sich um eine Mattstellung handelt oder nicht. D. h., Sie müssen die Stellung in Ihrer Fantasie aufbauen und prüfen. Und bei “Vision” bekommen Sie in Diagrammform die Stellung von König und Turm vorgegeben und müssen angeben, von welchen Feldern ein Doppelangriff durch die Dame möglich ist (siehe Screenshot unten). Im Beispiel habe ich nur ein Feld markiert (grün). In der Lösung werden mir meine Auslassungen gezeigt (rot).

So weit, so gut. Der Hit des Programms von Dietrich Kappe sind aber die Übungen “Blindfold” und “Vince”. Bei “Blindfold” kann man selbst eine beliebige Partie im pgn-Format einfügen und wird dann Zug für Zug blind durch die Partie geführt, wobei man nach jedem Zug immer wieder fünf Fragen zur aktuellen Stellung beantworten muss (siehe Screenshot unten).

Diese Übung hat einiges Potential. Wie man damit am günstigsten arbeitet, weiß ich noch nicht. Z. B. könnte man die Fragen auch nur alle drei oder fünf Züge beantworten. Oder man könnte nach verschiedenen Kriterien ganz bestimmte Partien auswählen. Die letzte Übung ist “Vince”, bei der man die Figuren in Teilen des Brettes oder auf dem ganzen Brett unsichtbar machen kann. Vor allem aber kann man gegen eine eingebaute (nicht sehr starke) Engine spielen und dabei eine Verzögerung der Darstellung einstellen. Dann wird auf dem Brett die bis zu sieben Halbzüge zurück reichende Stellung angezeigt. Man spielt real also immer “vor” der Brettstellung. Eine interessante Übung. Ich glaube, das kommerzielle Programm “Chess Vision Trainer” (man muss bei den Namen echt aufpassen!) von www.chesstechno.com ist auf dieser Idee aufgebaut.

Fazit: Die “Chess Training Tools” sind eine tolle Sache und stehen dazu noch unter der GNU GPL. Ein Dankeschön an den Autor.

Nachtrag

Nach Fertigstellung des Artikels habe ich noch ein paar Online-Übungen im Web entdeckt, und zwar bei www.chessvideos.tv als Chess Visualization Trainer.

Weitere Hinweise, Ergänzungen oder Kritik sind sehr erwünscht.

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